Der eiskalte Engel

Ein Film von Jean-Pierre Melville

Genre: Kriminalfilm

 

 | Erscheinungsjahr: 1967

 | Jahrzehnt: 1960 - 1969

 | Produktionsland: Frankreich

 

Mit Der eiskalte Engel inszenierte Jean-Pierre Melville einen Klassiker des französischen Kinos und etablierte einen der ersten Antihelden der Kinogeschichte. Melvilles eiskalter Kriminalfilm zeichnet sich durch einen beinahe romantischen Fatalismus aus und beeinflusste bis heute unzählige Filmemacher.

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Filmkritik:

Melvilles Werk handelt von einem Auftragskiller, wie es ihn nur im Kino geben kann. Der von Alain Delon gespielte Protagonist ist ein Einzelgänger ohne Persönlichkeit oder Sozialleben. Schon die brillanten ersten 10 Minuten des Films offenbaren Jef Costellos ganzes Dasein: Er liegt im Bett, raucht Zigaretten, fährt Auto und tötet.

Zugleich erfahren wir in dieser ersten Sequenz auch alles, was das Schaffen von Jean-Pierre Melville so besonders macht. Der Regisseur geht ähnlich präzise wie sein Killer vor und zelebriert eine extreme Ökonomie: Kein Wort wird gesprochen, keine Sekunde verschwendet, jeder Kamerablick hat seine Berechtigung und auf Schnörkel wird konsequent verzichtet.

Als Der eiskalte Engel 1967 erschien, war der Figurentyp des einzelgängerischen Antihelden noch nicht weit verbreitet. Melville gefielen Graham Greenes Roman This Gun For Hire und dessen Filmadaption aus dem Jahr 1941, der Film Noir Die Narbenhand. Alan Ladd spielt dort einen einzelgängerischen Auftragsmörder, dessen Handeln allerdings durch ein Kindheitstrauma abgeschwächt und vom Film moralisch verurteilt wird.

Eine größere Popularität erhielt das Antiheldentum erst 20 Jahre später durch Akira Kurosawas Samuraifilm Yojimbo. Der eiskalte Engel kreuzt die beiden Filme gewissermaßen: Seine Welt ist die amerikanischer Gangsterfilme, sein Protagonist orientiert sich hingegen an japanischen Idealen. Der Originaltitel von Melvilles Werk lautet Le samouraï und spielt damit auf die Persönlichkeit seines Jef Costello an, die sich deutlich von den meisten anderen Antihelden unterscheidet.

Die meisten von ihnen – Toshirō Mifunes Ronin in Yojimbo, die Halunken im Italowestern und zig Gangster der letzten Jahrzehnte – definieren sich als Antihelden, indem sie unsere Lust am Verbotenen befriedigen. Sie handeln unmoralisch und lassen uns, die nicht diese Freiheit besitzen, an ihrem Spaß teilhaben. Doch Jef Costello ist anders. Sein Handeln macht keinen Spaß und wir fühlen uns nie als Komplizen.

Costello hält uns auf Distanz und irritiert. Der Regisseur Walter Hill hat seinen Hang zur simplen Figurenzeichnung mal folgendermaßen umschrieben: „When somebody puts a gun in your face, character is how many times you blink.“ Jef Costello scheint überhaupt nie zu blinzeln.

Melville deutet schon in der Eröffnungsszene an, dass Costellos Stoizismus nicht nur ein Auswuchs seiner Professionalität ist, sondern eine manische Seite besitzt, dass der Killer einem inneren Zwang unterworfen ist. Während dieser rauchend auf dem Bett liegt, manipuliert Melville das Bild sekundenlang durch einen Vertigo-Effekt. Der Regisseur gab an, Costello damit als schizoide Persönlichkeit darstellen zu wollen.

Mit dem Wissen um die psychische Disposition des Protagonisten verändert sich auch unsere Perspektive auf die Hauptfigur, die nie die selbstbewusst ausgestellte Coolness anderer Antihelden entwickelt. Costello ist nicht cool, er ist kalt. Die Makellosigkeit des erst 32-jährigen Alain Delon fungiert als finale Teflon-Schicht und rundet die roboterhafte Figur noch ab.

Delon hatte sich durch mehrere Glanzleistungen (Nur die Sonne war Zeuge, Rocco und seine Brüder, Der Leopard) zu einem der begehrtesten europäischen Jungdarsteller entwickelt. Der finanziell immer etwas klamme Melville konnte den kommenden Star von einer Zusammenarbeit überzeugen, weil er seinen Film ganz auf die Oberfläche von Delon zuschnitt. Der Darsteller sagte gerade aufgrund der Dialogarmut zu.

Der in sich gekehrte Habitus der Figuren spiegelt sich auch in der Welt des Films. Melville entwirft seinen ersten Farbfilm als Ansammlung von Grautönen und zeichnet sein Paris als Ansammlung trister Straßenzüge. Der eiskalte Engel ist ein auf kompetente Weise gefilmter hässlicher Film; dass eine solche Umgebung lauter gewissenlose Schurken und defekte Menschen hervorbringt, erscheint zwangsläufig.

Der visuelle Ansatz verhindert allerdings auch die Eleganz, die Melvilles streng komponierte Schwarz-Weiß-Filme auszeichnete – Der Teufel mit der weißen Weste oder Der zweite Atem huldigen dem klassischen Film Noir und besitzen eine Schönheit, die Der eiskalte Engel abgeht.

Auch dramaturgisch beschreitet Melville andere Pfade als zuvor: Der eiskalte Engel ist kein Hochspannungsthriller, sondern die Ballade eines Todgeweihten. Wo die Figuren in den vorherigen Arbeiten des Films stets ihre eigenen Entscheidungen trafen, spielt sich das Geschehen hier scheinbar ohne Einfluss der Figuren ab, regelrecht mechanisch spulen sie Aktionen und Reaktionen ab, bis sie alle in den Tod gegangen sind.

Actionszenen spielen dafür keine Rolle, Melville schneidet sie sogar weg. Die Faszination des Films ergibt sich viel mehr aus der akribischen Herleitung der Umstände, in denen die Figuren ihre programmierten Abläufe vollziehen. Der eiskalte Engel seziert sie regelrecht und nimmt sich erstaunlich viel Zeit, um ein Polizeiverhör oder eine Beschattung Costellos in der U-Bahn zu zeigen.

Die Präzision dieser Erzählweise und die Romantisierung eines verdammten Einzelgängers hallen in der Kinogeschichte bis heute nach. Insbesondere John Woo (A Better Tomorrow, The Killer) und Walter Hill (Driver) zitieren Melville ausgiebig, auch Léon – Der Profi und Drive lassen sich auf Der eiskalte Engel zurückführen.

★★★★★☆

Jean-Pierre Melville

Jean-Pierre Melville zählt zu den wichtigsten europäischen Autorenfilmern. Um seine Eigensinnigkeit ausleben zu können, produzierte er seine Filme selbst, schrieb Drehbücher und führte Regie. Melvilles Kriminalfilme bestechen durch ihren fatalistischen Tonfall und ihren ausgeprägten Hang zur Coolness. Die unterkühlten Darsteller und die akribisch durchkomponierten Bilder tragen erheblich dazu bei.

Kriminalfilm

Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.