Il Cinema Ritrovato 2026
Festivaltagebuch Folge 4
Folge 4: Schlaflos in Bologna
In meinem letzten Tagebucheintrag hatte ich noch von den Frühvorstellungen geschwärmt, doch nun, in der Mitte des Festivals, setzen die Ermüdungserscheinungen ein – wenig Schlaf, die omnipräsente Hitze, das deftige Essen und der intellektuelle Vollrausch aus vier bis fünf Filmen am Tag gehen zunehmend an die Substanz.
Glücklicherweise glänzt mein Tagesplan durch maximale Simplizität: Sitzplatz I18 im Arlecchino finden – und dort sitzen bleiben. Vier Filme hintereinander stehen auf dem Programm, bevor ich ins Jolly und ins Modernissimo weiterziehe.
Offenbar hänge ich nicht allein durch – nur rund 20 Besucher konnten sich aufraffen, um morgens um neun Uhr den frisch restaurierten ukrainischen Klassiker Quelle für die Dürstenden zu sehen. Das fühlt sich mehr nach einer durchschnittlichen Pressevorstellung in Hamburg an als nach einem großem Festival in Bologna.
Die Vorführung wird mir dennoch in Erinnerung bleiben. Als ich aus einem Sekundenschlaf hochschrecke, wecke ich fast den Schläfer neben mir. Der Mann rechts vor mir scheint ebenfalls intensiv Richtung Fußboden zu schauen. Welch wunderbarer Ort zum Träumen ist doch das Kino! Oder um den unvergessenen Michael Althen zu zitieren:
„Im Kino schlafen, behauptet ein wunderschöner Spruch, heißt dem Film vertrauen. Denn das Kino ist ein Verwandter des Schlafs und ein Bruder der Träume. Man gibt sich hin, man gibt sich auf, man läßt sich fallen.“
Quelle für die Dürstenden ist nicht meine favorisierte Art von Film. Metaphysisches Kunstkino, das frei mäandert: Die Welt des Films besteht aus einer Wüste mit einer Hütte und einem Brunnen; dort denkt ein alter Mann kurz vor dem Tod über sein Leben nach. Manchmal laufen Figuren aus seiner Vergangenheit durchs Bild. Niemand spricht. Wind weht. Holz knarzt.
Man kann die ganze Welt in solchen Filmen sehen oder banale Beliebigkeit. Man kann allerdings hervorragend die Augen auf und zu machen und Bilder sehen und schweben und träumen. Insofern ist Quelle für die Dürstenden ein idealer Film für das Hier und Jetzt: Man muss schon ein Festival besuchen, um die Freiheit zu haben, diesem Film im Halbschlaf, sozusagen auf metaphysischer Augenhöhe, zu begegnen.
Heute kommt der Kontrastreichtum des Cinema Ritrovato zur Geltung. Auf den ukrainischen Kunstfilmklassiker folgen Preston Sturges’ leichtfüßige Screwball-Comedy Die Falschspielerin, der italienische Omnibus-Krimi Jagd ohne Gnade und Limonaden Joe, ein Western aus der Tschechoslowakischen Neuen Welle. Danach gibt es den nächsten Film von Daisuke Itō. Ich werde nicht warm mit dem Regisseur: Auch The Vassal’s Neck hinterlässt trotz seines starken Finales einen unausgegorenen und altbackenen Eindruck.

Das gut besuchte Arlecchino bei Jagd ohne Gnade © Il Cinema Ritrovato
Am Abend steht ein Festival-Highlight an: Die Europa-Premiere der restaurierten Fassung von Manhunter, der ersten Adaption des Hannibal-Lecter-Romans Roter Drache von Thomas Harris. Die neu abgetastete Version hat nicht nur ein frisches Color Grading erhalten, sondern wurde sogar umgeschnitten.
Bei aller Vorfreude schwingt auch eine Portion Skepsis mit; zu oft führte das retrospektive Eingreifen von Regisseuren in ihre eigenen Werke zu zwiespältigen Ergebnissen, etwa bei den generalüberholten Farbpaletten der neuen 4K-Veröffentlichungen der Filme Wong Kar-Wais.
Der Final Cut von Manhunter liefert hingegen keinen Grund zur Beanstandung: Die Restaurierung sieht wunderbar aus, und der neue Schnitt fügt sich unauffällig ein. Der Film selbst war mit seiner finsteren Stimmung und dem starken Ensemble einmal mehr ein Erlebnis.