Il Cinema Ritrovato 2026
Festivaltagebuch Folge 3
Folge 3: Der diskrete Charme des Cinema Europa
Morgens um 8:15 Uhr ist der Klub der cinephilen Jutebeutelträger nur spärlich auf den Straßen Bolognas vertreten. Die frühen Vorstellungen sind jetzt schon mein liebstes Zeitfenster. Es ist die „kühlste“ und gemütlichste Zeit des Tages, die Vorstellungen sind weniger trubelig; zudem ist der Kopf noch frei, bevor die tausenden Bilder aus zig Filmen einander im Laufe des Tages überlagern werden.
Die Ruhe kann ich für das iranische Sozialdrama The Cycle gut gebrauchen. Meine erste tolle Neuentdeckung beim Cinema Ritrovato! Mehr dazu in der Kurzkritik.

Das verschlafene Jolly am Morgen
Heute ist einer der wenigen Tage mit einer dedizierten Mittagspause – auf einen vernünftigen Essensrhythmus hatte ich bei Filmplanung nicht geachtet, was im Bologneser Schlaraffenland umso ungünstiger ist. Die Ciacci in der Osteria dell’Orsa im Studentenviertel sind fantastisch.
„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“ steht über dem Eingang zur Hölle in Dantes Göttlicher Komödie. Der Eingang des Cinema Europa ist unscheinbarer, die Temperatur dahinter jedoch ebenso infernal. Es gibt keine Klimaanlage, aber dafür auch keinen Sauerstoff. Das Höllentor öffnet seine Pforten für Tsui Harks Martial-Arts-Klassiker The Blade.
Der 1995 veröffentlichte Film zählt zu den jüngsten des Festivalprogramms. Die neue 4K-Restauration bot die Grundlage für das Criterion-Release im März dieses Jahres. Wie so oft bei dieser Gattung dient der Großteil des Films als Exposition, erst im Finale läuft Hark zur Hochform auf und inszeniert einen furiosen Schlusskampf, der das überwiegend deutsch besetzte Kino mit einem breiten Grinsen in den Abend entlässt.
Mit der Sehnsucht nach einer Dusche und einem ruhigen Restaurantbesuch begebe ich mich auf den Rückweg zum Hotel. Es nützt nichts – ich storniere Itōs Five Men of Edo. Das Cinema Ritrovato ist am Ende auch Urlaub, nicht nur Filmfestival – diese Haltung scheint hier weit verbreitet zu sein.
In Bologna wiegt die FOMO, die fear of missing out, allerdings doppelt schwer. Schon beim Buchen der Vorstellungen mussten Raritäten gestrichen werden, und auch hier vor Ort schwingt sofort der Gedanke mit, ob ich jemals wieder die Chance haben werde , Five Men of Edo zu sehen, noch dazu im Kino. Doch schon nach wenigen Tagen weicht die Gier, alles sehen zu wollen, der Entspannung, vieles sehen zu können.
Die wunderbare Abendvorstellung bestätigt einmal mehr die Großartigkeit des Cinema Ritrovato. Im Cinema Modernissimo, das wahrlich das Prunkstück des Festivals ist, werden 3D-Brillen ausgeteilt. Zur Einstimmung gibt es einen Kurzfilm aus dem Jahr 1953: Popeye, the Ace of Space. Nach dem spinatgetriebenen Super-Seemann folgt der restaurierte Randolph-Scott-Western Ritter der Prärie. Obwohl ich kein 3D-Enthusiast bin – hier macht der Effekt Spaß, insbesondere wenn er der herrlichen Wildwest-Landschaft mehr Tiefe verleiht.
Am nächsten Tag folgt ein wichtiger Punkt auf meiner Bucket List: Die Aufführung von Stummfilmen mit Live-Musik zählt zu den Konstanten der Festivalgeschichte. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, doch letztlich hat nur Quo Vadis in den Kalender gepasst. Der 1913 veröffentlichte Klassiker läutete die Ära der großen italienischen Monumentalfilme ein und profitiert enorm von der großartigen Akustik im Cinema Modernissimo.

Quo Vadis mit Klavier © Il Cinema Ritrovato
Die Vorstellung war vorausschauend geplant: Ich entgehe der Mittagshitze und kann direkt für die nächste Vorstellung im Kino unter der Erde bleiben. Die tolle Bar liefert Stärkung in Form eines geeisten Espressos und eines Miniburgers mit Parmaschinken, dann geht es zu einer Weltpremiere: Gezeigt wird die Restauration von Lino Brockas Weighed But Found Wanting.
Nette Überraschung: Auf jedem Platz liegt ein limitiertes Booklet mit Texten zum Film parat. Nach der obligatorischen Einführung folgt Brocka pur – schon die erste Szene sorgt für hörbare Anspannung im Saal. Die Frau neben mir hält sich die Augen zu. Ich kann es ihr nicht verdenken. Brocka ist ein Meister melodramatischer Übersteigerungen, mit denen er so zielsicher wie gnadenlos unsere wunden Punkte findet. Weighed But Found Wanting ist ein Höhepunkt des Festivals.
Zum Abschluss des Tages begebe ich mich einmal mehr ins Purgatorio des Cinema Europa, das selbst um 22 Uhr noch unerträglich heiß ist. Die Vorfreude ist groß, denn es läuft Peking Opera Blues – ein idealer Film für den sozialen Kosmos eines Kinosaals. Die witzigen Dialoge sorgen für kollektives Gelächter, die akrobatischen Kämpfe für Jubel und Beifall. Es war der unterhaltsamste Film des Festivals – und ein wunderbarer Abschluss für Tag vier.



