Il Cinema Ritrovato 2026
Festivaltagebuch Folge 2
Folge 2: Liebesgrüße aus Bologna
Heute startet endlich mein Festivalalltag. Nach dem für Italien typischen süßen Frühstück geht es ins fünf Minuten entfernte Cinema Jolly zu Die schwarze Majestät, der im Rahmen der Mitchell-Leisen-Reihe läuft.
Der Ablauf ist vor jeder Vorstellung der gleiche: Da alle Tickets bereits gebucht sind, ist Pünktlichkeit das einzige Gebot – zehn Minuten vor einer Vorstellung sollte man da sein. Vor den Kinos gibt es zwei Schlangen: Die für Ticketinhaber und eine Last-Chance-Schlange, die sich kurz vor Filmbeginn für Interessenten ohne Ticket öffnet.
Das Jolly ist recht groß und, noch wichtiger, angenehm klimatisiert. Schon diese erste Vorstellung untermauert den kuratorischen Aspekt des Festivals: Als Vorfilm wird eine 25-minütige Episode von Twilight Zone gezeigt, die ebenfalls von Leisen stammt und auf Billy Wilders Meilenstein Sunset Boulevard rekurriert. Die mit den Worten „It’s a warning: Don’t watch too many films!“ angekündigte Episode The Sixteen-Millimeter Shrine zeigt Ida Lupino als alternde Filmdiva, die sich in die Einsamkeit ihrer Villa zurückgezogen hat und dort so lange ihre alten Filme schaut, bis sie buchstäblich in ihnen aufgeht. Die schwarze Majestät war ein netter Auftakt, den ich aber wie schon bei meiner ersten Begegnung vor rund 15 Jahren unausgewogen fand.
Am Nachmittag folgt der erste planbare Höhepunkt, Billy Wilders Frau ohne Gewissen; ein zeitloses Meisterwerk, das auch beim wiederholten Ansehen nichts verliert. Das kleine Cinema Europa ist eine brütend heiße Schuhschachtel; dennoch macht es großen Spaß, den perfekten Dialogen zu lauschen, zu schwitzen und Fred McMurray beim Schwitzen zuzusehen. Es bleibt zu hoffen, dass die Klimaanlage beim nächsten Besuch funktionstüchtig ist.
Zurück ins Jolly: The Inner Palace Conspiracy, mein erster Film in der Daisuke-Itō-Reihe, ist ein Krimi im Samuraigewand, bei dem die Protagonisten einen Mord aufklären. Allerdings versetzt Itō den spannenden Plot mit platten humoristischen Einschüben, was für mich nicht aufging.
Nach einer famosen Salsiccia-Pizza beschließen geht der Abend auf der Piazza Maggiore zu Ende, wo die frisch restaurierte Fassung von David Lynchs Wild at Heart läuft. Isabella Rossellini ist zur Einführung geladen und lässt schön grüßen.

Mir sind Filme, die interessant scheitern, lieber als jene, die sich mit langweiliger Konvention zufriedengeben. Zu Wild at Heart finde ich auch in diesem dritten Anlauf keinen Zugang. Er fängt stark an und wird von Kapitel zu Kapitel schwächer. Es ist der einzige Film, in dem Lynch seinen Stil nicht im Griff hat; die Inszenierung scheint sich zu verselbstständigen. Bei einem Film, der ganz Form und kaum Inhalt ist, wiegt das doppelt schwer.
Dennoch habe ich Spaß dabei, inmitten von 4.000 Menschen bei 28 Grad unter dem Sternenhimmel zu sitzen und Laura Dern und Nicolas Cage beim Eskalieren zuzuschauen. Aufgrund einiger unglücklicher Terminkollisionen und der für meinen Geschmack gar nicht so starken Auswahl wird es wohl meine letzte Vorstellung auf der Piazza sein – schon mal der erste Grund, einen weiteren Besuch in Bologna einzuplanen.



