Il Cinema Ritrovato 2026
Festivaltagebuch Folge 1
Folge 1: Looking for Mr. Suchsland
„Wie schön, dass mein Cannes-Tagebuch, das ich bereits im ersten Jahr 2003 begonnen habe, in den letzten Jahren zunehmend nachgeahmt wird. Eine Form, die sich durchgesetzt hat, und zeigt, wie man über Festivals auch schreiben kann: Subjektiv, lustvoll, flanierend, persönlich, ohne Angst vor der Ich-Form und vor vermeintlichen Banalitäten.“
… schrieb Rüdiger Suchsland vor einigen Wochen im ersten Eintrag seines diesjährigen Cannes-Festivaltagebuchs auf Artechock. Ungefähr 2008 habe ich angefangen, diese Tagebücher zu verfolgen. Ich war 20 Jahre alt und begann gerade regelmäßig ins Kino zu gehen, Filmkritiken zu lesen und selbst lose Notizen zu gesehenen Filmen zu machen. (Wie meine Reise durch die Filmgeschichte anfing, ist hier niedergeschrieben.)
Suchslands Festivaltagebücher verkörperten damals für mich die große (Kritiker-)Welt, intellektuelle Leichtigkeit, Lust am Diskurs. Beinahe 20 Jahre und sechseinhalbtausend Filme später schließt sich dieser Kreis für mich – mit meinem ersten internationalen Festivalbesuch und dem dazugehörigen Reisetagebuch.
Und so steht meine Ankunft in Bologna im doppelten Sinn unter dem Titel „Looking for Mr. Suchsland“. Dass er Il Cinema Ritrovato im letzten Jahr besucht hatte und das Festival mochte, gibt Anlass zur Hoffnung, ihn dieses Jahr auch hier anzutreffen.
In jedem Fall begebe ich mich auf die Suche nach meinem inneren Berufskritiker, um Suchslands Festivaltagebücher vorlagengetreu abzukupfern, anstatt hier nur blutarme Notizen zusammenzufügen. Da ist sie direkt, die Angst vor den vermeintlichen Banalitäten!
Für den Transfer vom Flughafen in die Innenstadt bietet sich neben dem Taxi (rund 25 €) auch die Marconi Express genannte Einschienenbahn an, die nur 13 € kostet und schneller ist. Der Plan für meine Ankunft ab 15 Uhr war übersichtlich: Ich habe bewusst keine Vorstellungen gebucht, sondern wollte in Ruhe die Stadt und die Wege zwischen den Kinos erkunden sowie meinen Festivalpass abholen und die ersten gastronomischen Höhepunkte mitnehmen.
Für den Pass geht es ins Herz des Festivals: Ein Tor, das an Pendants der Hollywoodstudios erinnert, führt auf das Gelände der Cineteca. Hier befinden sich das Cinema Lumière mit seinen zwei Sälen Mastroianni und Scorsese sowie die angenehm kühle Biblioteca Renzo Renzi, wo mein Festivalpass schon bereit liegt.
Zusätzlich bekommt jeder Passinhaber noch einen Jutebeutel mit großem James Dean-Druck, der in den nächsten Tagen das universelle Erkennungszeichen aller Besucher sein wird – man kann keine Straße entlanggehen, ohne anderen Jutebeutelträgern zu begegnen. Auch in den Bistros und allen möglichen Warteschlangen dient das Accessoire als Einladung, um mit Fremden über Filme zu sprechen.
Bei der Übergabe enthält der Jutebeutel auch den schwergewichtigen Festivalkatalog. Nur bei mir leider nicht – wer vom Preisnachlass des Presse-Passes profitiert, muss sich den Katalog selbst kaufen.
Im lauschigen Hof vor der Cineteca befindet sich das Gastropub Il Cameo, dessen großzügig verteilte Tische die Pausen zwischen den Vorstellungen des Cinema Lumière versüßen. Nach einem Tonnato-Burger und einem Shakerato fühlte ich mich endgültig angekommen.
Auch der frei verfügbare Wasserspender ist Gold wert – eine Flasche sollte man hier immer dabei haben, weil die italienische Sonne erbarmungslos brennt. Wohl dem, der abends die erste große Freiluftvorstellung auf der Piazza Maggiore gebucht hat – zu Murnaus Sonnenaufgang lag auf jedem Sitzplatz ein passender Fächer parat. Ob es in den nächsten Tagen weitere Goodies gibt? Wir werden sehen.



