Lieblingsszenen:

Die besten Jahre unseres Lebens

Die neue Rubrik

Eine Krux beim Schreiben über Filme ist die Entfernung zwischen Text und Bewegtbild. Je konkreter Dinge benannt werden sollen, desto schwieriger ist die Übersetzung des Gesehenen in eine nachvollziehbare Textform. Wie eine komplexe Kameraführung in wenige Worte fassen? Wie die Gefühlswelten beschreiben, die nur in Blicken der Protagonisten zum Ausdruck kommen? Die Erwähnung besonderer Filmszenen würde den Rahmen einer Filmkritik sprengen.

Deshalb startet heute eine neue Rubrik, die sich ausschließlich mit einzelnen Szenen auseinandersetzt, die mich beeindrucken und bewegen – egal ob durch schauspielerische Glanzlichter, kluge Schnitte, tolle Kamerafahrten oder erzählerische Raffinesse.

Ich möchte allerdings nicht zum x-ten Mal die fantastische Duschszene aus Psycho oder De Niros Spiegelmonologe in Taxi Driver anpreisen, sondern durchaus auch mal kleinere, vielleicht sogar unscheinbare Szenen hervorheben. Es wird also eine persönlich geprägte Rubrik werden, und natürlich wird hemmungslos gespoilert.

Das beste an der Rubrik: Ich werde sämtliche besprochenen Filmszenen direkt im Beitrag verlinken, sodass Text und Bewegtbild endlich mal zusammenkommen.

Legen wir los mit dem ersten Beitrag:

Der Film

Filmszene aus Die besten Jahre unseres Lebens

Die besten Jahre unseres Lebens zählt zu den Meisterwerken des Melodrams. William Wyler erzählt von drei Kriegsheimkehrern, die Schwierigkeiten haben, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Ohne jemals in den Verdacht zu kommen, auf seichte Gefühlswelten abzuzielen, baut Wyler ambivalente Figuren und tiefgehende Konflikte auf. Dabei profitiert der Film enorm von seiner dreistündigen Spielzeit, die den Szenen Zeit zum Atmen lässt und den exzellenten Schauspielern Raum gibt. Hervorzuheben ist Wylers makellose Inszenierung: Die Mise en Scène, die Kameraarbeit und der Einsatz von Tiefenschärfe sind ein Genuss.

Die Szene

Das Finale des Films führt das halbe Dutzend Figuren in einer Hochzeitsszene zusammen und begeistert mich sehr. Schon Wylers Mise en Scène ist hervorragend – er vereint die nicht wenigen Figuren in einer einzigen Einstellung und spielt zugleich mit einer vorderen und einer hinteren Bildebene, was 1946 noch recht ungewöhnlich war.

Die wahre Schönheit der Szene erschließt sich nicht sofort. Wie bei einer Schachstellung muss das Arrangement erst komplett durchdrungen werden. Vordergründig handelt die Szene von der Hochzeit zweier Protagonisten, doch ihr Ja-Wort entpuppt sich als Dekoration und bewusst gesetzte Ablenkung.

Dank der dreistündigen Laufzeit kann Wyler die Länge seiner Szenen auskosten: Eine volle Minute lang schauen wir auf ein unbewegliches Figurentableau, in dem nichts passiert. Dann löst Regisseur die Situation elegant auf und es fällt uns wie Schuppen von den Augen – der eigentliche Inhalt der Szene kommt erst retrospektiv zum Vorschein.

Während der Trauung schlingt Wyler ein Band um zwei weitere Protagonisten, deren aufkeimende Beziehung durch einen Streit zerbrochen war. Am linken Bildrand sehen sie sich erstmals wieder und gehen einen wortlosen Dialog miteinander ein, wie ihn nur Liebende führen können.

Wir hätten es von Anfang an sehen können, immerhin nehmen wir dieselbe Perspektive wie der Hauptdarsteller ein. Zudem leuchtet seine Angebetete durch ihr weiß wirkendes Kleid regelrecht. (Weiß als Gast auf einer Hochzeit – kein Zufall, sondern ein Signal.)

Wylers Auflösung ist pure Eleganz: Er halbiert das Bild und überlässt dem wiedervereinten Paar die komplette linke Bildhälfte. Beim erneuten Ansehen der Szene funktioniert sie noch besser, der „Dialog“ der Liebenden ist über die volle Minute zu spüren.

Mit simplen, rein visuellen Mitteln beschwört Wyler eine wortlose Filmmagie. Das Finale bestätigt endgültig: Die besten Jahre unseres Lebens ist ein Meisterwerk.

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