In seinem Familiendrama Der blaue Drachen dokumentiert Regisseur Tian Zhuangzhuang die Auswirkungen der Reformen von Mao Zedong auf die einfache Bevölkerung. Für diese kritische Bestandsaufnahme belegten die chinesischen Behörden Tian mit einem zehnjährigen Berufsverbot, seine Filme laufen nur im Ausland.

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Filmkritik:

Wie die bekannteren Regisseure Zhang Yimou und Chen Kaige zählt auch Tian Zhuangzhuang zu den essenziellen Filmemachern der sogenannten fünften Generation, die sich zu Beginn der Achtziger Jahre erstmals kritisch mit der jüngeren chinesischen Geschichte auseinandersetzte. Neben Zhangs Leben! stellt Der blaue Drachen den Höhepunkt dieses Schaffens dar.

Der Film beginnt in den Fünfziger Jahren und erstreckt sich über zwei Jahrzehnte. Er beobachtet den Werdegang einer Familie, die von Maos politischen Umwälzungen betroffen ist und zwischen der Hundert-Blumen-Bewegung, dem Großen Sprung nach vorn und der Kulturrevolution zerrieben wird.

Tian gelingt es in Der blaue Drachen, historische Entwicklungen erfahrbar zu machen. Der Regisseur übersetzt die abstrakten Reformen der politischen Führung in die konkrete Praxis und bricht den Werdegang des ganzen Landes auf die Lebensumstände einer Familie herunter. Sie dient als Lackmustest für die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft. Der Alltag der Protagonisten ändert sich in vielen kleinen Schritten und bildet dabei letztlich die chinesische Politik zweier Jahrzehnte ab.

Trotz seiner kritischen Haltung verzichtet Tian auf Polemik und nimmt sich 140 Minuten Zeit, um ein differenziertes Bild der politischen Entwicklungen Chinas zu zeichnen. Dabei findet er nicht nur Negatives: Insbesondere zu Beginn des Films transportiert Der blaue Drachen eine Aufbruchsstimmung; auch die Hundert-Blumen-Bewegung, mit der die Regierung ihre Bürger zu konstruktiver Kritik am Staat aufforderte, erscheint ungewöhnlich progressiv.

Dieser Eindruck verkehrt sich im weiteren Verlauf ins Gegenteil – und nimmt der Familie den Vater. Es soll der erste von mehreren Schicksalsschlägen werden, die das Leben der Mutter zum Existenzkampf machen. Sie muss ihren Sohn ernähren, den politischen Anforderungen genügen und etwas zur Gesellschaft beitragen; dabei auch noch ein persönliches Glück zu finden, erscheint unmöglich.

Diese pessimistische Schilderung einer Frau in ständiger Not hat mich an die Klassiker von Kenji Mizoguchi erinnert. Dieser setzt allerdings auf ausgeprägte Dramaturgien und Inszenierungen, Tian geht hingegen subtil vor. Der blaue Drachen hat keinerlei Effekthascherei nötig; die schlichte Bildsprache und der ruhige Tonfall verweisen auf Tatsachen, deren Dramatik für sich selbst steht.

Die Erzählstruktur von Der blaue Drachen besteht aus drei Kapiteln, die verschiedene Stationen der chinesischen Politik aufgreifen und mit „Vater“, „Onkel“ und „Stiefvater“ übertitelt sind. Indem der Film diese drei Ernährer als Maßstab ausruft, lädt er zu einem Vergleich ein, der viel über die gesellschaftliche Entwicklung zutage fördert.

Die Partei sichert ihre Macht, indem sie die Familie infiltriert und deren Bande lockert. Im Verlauf des Films nehmen Gefühle und Kommunikation immer weiter ab. Die Partei zersetzt das Privatleben der Bevölkerung, die Menschen werden zu bloßen Funktionsträgern der neuen Gesellschaftsordnung reduziert. Wer unter dem Druck zerbricht oder ausschert, wird an den Pranger gestellt und aus der Gemeinschaft entfernt.

Für das Verständnis von Der blaue Drachen ist eine Portion Halbwissen sicherlich von Vorteil, dank des niedrigen Tempos und Tians sorgfältiger Erzählung aber nicht unbedingt nötig. Ohne die Kenntnis der politischen Kurswechsel im China der Sechziger Jahre wirkt Maos Politik sogar noch kafkaesker.

Im letzten Drittel des Films scheint sich die Politik regelrecht zu verselbstständigen – immer wieder schlägt die Stimmung um und richtet sich stärker gegen die Bevölkerung. Damit geht der Verlust einer politischen Orientierung einher: Haltungen, die in der Filmmitte noch als lobenswert erachtet wurden, ziehen plötzlich einen Aufenthalt im Arbeitslager nach sich.

Der blaue Drachen fängt diese wechselnden Umstände nachvollziehbar ein und baut über den Bezug zur leidgeprüften Familie eine immer größere Anspannung auf. Maos Kulturrevolution erinnert zunehmend an die Indoktrinierung Nazideutschlands: Sie startet schleichend, verselbstständigt sich und überrollt schließlich das ganze Land.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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