Vier Jahre lang unterdrückten die koreanischen Behörden die Aufführung von Night Voyage. Vordergründig störten sich die Zensoren an der irritierenden Inszenierung und dem sexuellen Gehalt des Melodrams; wie kritisch Regisseur Kim Soo-yong das Leben unter dem Militärregime konnotiert, dürfte jedoch auch eine Rolle gespielt haben.

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Filmkritik:

Night Voyage erzählt aus dem Leben einer einsamen Frau: Hyeon-ju arbeitet in einer Bank und ist dort die letzte alleinstehende Angestellte. Wir erfahren schnell, warum: Seit drei Jahren hat sie eine Affäre mit ihrem Vorgesetzten, der jedoch keinerlei Interesse an einer Heirat hat. Das Zusammenleben der beiden ist von Leere geprägt. Hyeon-ju fühlt sich unerfüllt, ihr Leben befindet sich an einem Nullpunkt. Der Film begleitet sie bei dem Versuch, einen Ausweg zu finden.

Night Voyage entstand inmitten der goldenen Ära des koreanischen Kinos. Da die Regierung ausländische Werke stark begrenzte, bestand ein erhöhter nationaler Produktionsbedarf; die koreanische Kinoindustrie lief auf Hochtouren, manche Regisseure drehten ein halbes Dutzend Filme pro Jahr. So auch Kim Soo-yong, der in seiner langen Karriere über 100 Arbeiten inszenierte, darunter 50 Adaptionen populärer Romane.

Nachdem er 1967 bereits Mist von Kim Seung-ok verfilmt hatte, folgte 1973 mit Night Voyage eine weitere Adaption des Autors, die dann erst 1977 zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Die heute verfügbare Fassung kommt auf 76 Minuten und ist laut den Erinnerungen des Regisseurs nicht frei von Kürzungen.

Dennoch gelingt Kim trotz der kurzen Spielzeit eine spannende Innensicht der Protagonistin, was an die großen Frauendramen von Kenji Mizoguchi erinnert: Einmal in einer misslichen Lage angekommen, verhindern gesellschaftliche Konventionen und das patriarchale System einen Ausbruch aus dem Dilemma. Doch je länger Night Voyage läuft, desto stärker kristallisiert sich heraus, dass er nicht ausschließlich Hyeon-jus Unzufriedenheit illustriert.

Nicht nur die Protagonistin, sondern schlichtweg alle Figuren erscheinen unglücklich. Die Männer betrinken sich jeden Abend in billigen Kaschemmen, die Frauen warten einsam vor dem Fernseher. Niemand besitzt Ziele, Motivation oder ein ideelles Fundament. Wie zähes Harz hat die repressive Politik der Militärregierung ganz Korea eingeschlossen und einen totalen gesellschaftlichen Stillstand verursacht.

Trotz der Umstände drängt Regisseur Kim Soo-yong seine Protagonistin nicht in eine Opferrolle, im Gegenteil: Night Voyage zeigt uns, wie Hyeon-ju in sich hineinhorcht und sich gegen die Selbstaufgabe entscheidet. Hauptdarstellerin Yu Jeong-hie gelingt es ausgezeichnet, diese innere Entwicklung nach außen zu tragen.

Wie stark Hyeon-jus Innenleben aus dem Gleichgewicht gerät, lässt Kims bemerkenswerte Inszenierung erkennen. Ungewöhnliche Perspektiven und unerwartete Schnitte evozieren eine ständige Unruhe, die von der musikalischen Untermalung aufgegriffen wird. Oft spiegelt die Tonebene nicht das sichtbare Geschehen, sondern die verborgene Stimmung der Hauptfigur – manche Alltagsszene überrascht daher durch dramatische Klänge, wie im Horrorkino scheinen die Melodien auf eine unsichtbare Gefahr anzuspielen.

Tatsächlich brechen immer wieder irritierende Einschübe in die filmische Realität, die sich schwer zuordnen lassen. Bei einigen Szenen handelt es sich offenkundig um Erinnerungen, andere könnten auch Tagträume sein. Zum Ende hin gerät dieses Vorgehen regelrecht außer Kontrolle: Da verhaftet ein Mann Hyeon-ju auf der Straße und zwingt sie anschließend in einem Hotelzimmer zum Sex. Die bruchstückhafte Inszenierung lässt vielerlei Interpretationen zu; von einer traumatischen Vergewaltigung in der Vergangenheit bis zu einer masochistischen Fantasie. Die Uneindeutigkeit erinnert an Luis Buñuels Belle de Jour.

Dem gegenüber stehen einige märchenhafte Szenen, in denen Hyeon-ju für einen Tag in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Das führt zu malerischen Bildern und eröffnet uns eine Perspektive auf die Vergangenheit der Figur, die hier sogar wieder in ihre alte Schuldmädchenuniform schlüpft. Doch die Hyeon-ju von früher, die gibt es nicht mehr; wie das alte Korea hat sie ihre Unschuld längst verloren.

Die Vergangenheit liegt hinter der Protagonistin, die ihren Blick folgerichtig in die Zukunft richtet. Dass Night Voyage auf ein simples Happy End verzichtet, bestätigt die Qualität des Films. Vieles an den letzten Minuten fühlt sich nach einer Niederlage an, doch wenn Hyeon-ju uns den Rücken zudreht und im grauen Leben unter dem koreanischen Militärregime verschwindet, dann bezeugen wir ihre ersten Schritte in eine neue Freiheit, die hoffen lässt.

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