Luis Buñuels wohl bekanntester Film Belle de Jour führt die wesentlichen Motive des Regisseurs zusammen. Der Spanier beschäftigt sich wieder einmal mit der Welt des Bürgertums, die er gewohnt kritisch zeigt. Dafür nutzt der Regisseur die Form eines Vexierspiels, das Imagination und Realität unentwirrbar miteinander verbindet.

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Filmkritik:

Belle de Jour ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Joseph Kessel und schildert eine entscheidende Phase im Leben der Pariser Hausfrau Séverine. Um ihrem erstarrten Großbürgerleben zu entfliehen, sucht sie sich eine besondere Anstellung: Als Dirne Belle de Jour, die „Schöne des Tages“, arbeitet sie nachmittags in einem Bordell.

Séverine führt ihr Doppelleben nicht aus finanziellen Gründen; ihr Mann verdient als Chirurg ein stattliches Gehalt. Die Ehe verläuft allerdings platonisch, ist von Kälte und latenter sexueller Frustration geprägt. Séverine verspürt aufrichtige Liebe zu ihrem Gatten, kann diese jedoch nicht mit ihren masochistischen Neigungen vereinen.

Die dissonante Ehe nutzt Belle de Jour zur Bestandsaufnahme des Großbürgertums. Aus der Unfähigkeit des Ehemannes, die Lust seiner vermeintlich frigiden Frau zu befriedigen, lässt sich eine noch umfassendere Impotenz ableiten. In der von rigiden Wert- und Moralvorstellungen eingeschränkten Welt der Bourgeoisie bleibt zwischen Karriere und Status schlichtweg kein Platz mehr für das Unorthodoxe, Geheime und Sinnliche.

Aufgrund seiner Thematik sorgte Buñuels zweiter französischer Film für rege Diskussionen und hohe Altersfreigaben. Der Blick auf anrüchige Tendenzen greift jedoch viel zu kurz: Belle de Jour stellt seine Protagonistin trotz ihres Gewerbes niemals aus, sondern wirbt für Verständnis. Séverines Ausbruch aus dem Eheleben mag zunächst unmoralisch wirken, ist jedoch ein emanzipatorischer Akt. Für die (zu) jung verheiratete Frau ergab sich nie die Gelegenheit für ein eigenständiges mündiges Leben.

Wie modern Buñuels Film ist, lässt sich durch einen Vergleich mit dem in Grundzügen ähnlichen Horrorfilm Ekel von Roman Polanski herausstellen. Beide Werke kreisen um eine von Catherine Deneuve gespielte junge Frau, die der (vornehmlich sexuellen) Erwartungshaltung der gesellschaftlichen Konventionen entsprechen müssen. In Ekel fügt sich Deneuves Figur in ihre Opferrolle und verliert dadurch ihre Identität, in Belle de Jour lehnt sich Séverine gegen die ihr zugedachten Gesellschafts- und Geschlechterrollen und triumphiert.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den Filmen besteht darin, dass beide Protagonistinnen mutmaßliche Missbrauchsopfer sind. Was in Polanskis Horrorfilm eine sinnvolle Komponente darstellt, missfällt mir bei Belle de Jour – dieses über einen Rückblendenschnipsel transportierte Detail rückt Séverines spezielle Sehnsüchte in den Dunstkreis des Traumatisch-Krankhaften, was konträr zur eigentlichen Aussage des Films steht.

Allerdings können wir den Rückblenden von Belle de Jour ohnehin nicht trauen. Weil Buñuel den Film als magisches Vexierspiel inszeniert, immer wieder Tagträume und Erinnerungen in die Wirklichkeit einbrechen lässt, muss das Geschehen ständig hinterfragt werden.

Seinen Modus Operandi etabliert der Regisseur schon in der berühmten Eröffnungssequenz. Eine Kutschfahrt endet abrupt, weil Séverine auf Geheiß ihres Mannes ausgepeitscht und vergewaltigt wird. Der schockierende Auftakt entpuppt sich erst im Nachhinein als Wunschvorstellung der Protagonistin und verdeutlicht, dass wir für den Rest der Spielzeit keiner objektiven Realität, sondern Séverines subjektiver Wahrnehmung unterliegen.

Ohne Brüche verquickt Buñuel Wirklichkeit und Einbildung, oft löst er auch im Nachgang nicht auf, auf welcher Ebene sich das Gesehene abgespielt hat. Buñuels Faible für Symbole (ein Freier betört Séverine mit dem Inhalt einer mysteriösen Schatulle) und Signale (Geräusche aus ihren Träumen tauchen in der Realität auf) erschweren die Einordnung zusätzlich.

Besonders spannend verläuft Belle de Jour nicht, da der Film über weite Strecken auf konkrete Konflikte verzichtet und mehr von seiner Stimmung und der leisen Ironie lebt. Im Finale läuft Buñuel aber zur Hochform auf und konfrontiert uns mit elegant inszenierten Widersprüchen, die erneut unaufgelöst bleiben. Wir verlieren uns endgültig in Séverines Welt.

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DER REGISSEUR

Das Schaffen von Luis Buñuel umfasst 48 Jahre und brachte unzählige Klassiker hervor. Die Filme des spanischen Regisseurs zeichnen sich durch geistreiche Ironie und scharfe Gesellschaftskritik aus. Mit seinen Anklagen gegen die Bourgeoisie und die Kirche sorgte Buñuel für Kontroversen, die er durch seine oft surrealistischen Inszenierungen noch verstärkte.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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