Ekel

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Filmkritik:

Mit seinem zweiten Film Ekel gelang Roman Polanski der entscheidende Schritt zu einer Weltkarriere. Der Auftakt der Mieter-Trilogie setzt – wie auch die beiden anderen Werke Rosemaries Baby und Der Mieter – auf eine kammerspielartige Inszenierung von Normalität, in die sich nach und nach subtiler Horror schleicht.

Nach seinem Debütfilm Das Messer im Wasser floh Polanski aus dem kommunistischen Polen und siedelt nach London über, wo er seinen ersten englischsprachigen Film drehte. Wie schon bei seinem Debüt arbeitet der Regisseur mit einem simplen Setting, das er auf das höchstmögliche Maß verdichtet. Ekel kommt über weite Strecken mit einer Wohnung und einer Hauptdarstellerin aus. Die fantastische Catherine Deneuve spielt eine Frau, mit der etwas nicht stimmt. Wie in den Filmen von Ingmar Bergman oder Luis Buñuel scheint etwas in der Figur zu arbeiten, sodass selbst wir aus unserer Perspektive von außen feststellen können, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Ekel ist weniger ein handlungsorientierter Film, sondern arbeitet vornehmlich mit Stimmungen und erzeugt darüber viel Suspense. Zunächst schildert Polanski einen gewöhnlichen Tag im Leben von Carol, das trotz einiger kleiner Seltsamkeiten normal verläuft. Als die Mitbewohnerin in den Urlaub fährt und Carol alleine in der Wohnung zurücklässt, gerät das Leben der sensiblen jungen Frau zunehmend aus den Fugen. Unheimlich gekonnt gleitet der Film in die subjektive Perspektive von Deneuves Figur ab und zersetzt nach und nach erzählerische Maßstäbe. Je mehr Carols Leben an Struktur verliert, desto mehr verschwimmt auch die Erzählung des Films. Plötzlich lässt sich die Zeitebene nicht mehr bestimmen und der Unterschied zwischen Realität, Albtraum oder Wahnvorstellung ist nicht mehr zu unterscheiden – Ekel mutiert zum symbolhaften Phan­tas­ma.

Der Wandel vom Normalen zum Wahnsinn wirkt auch deshalb so überzeugend, weil Polanski sich die Zeit nimmt, die Veränderungen langsam einzuweben. Die subjektive Inszenierung spiegelt nicht nur die Gefühlswelt der Protagonistin, sondern spricht auch unser Unterbewusstsein an – der Horror entsteht zunächst in unserem Kopf. Ohne plumpe Schockszenen entfesselt Ekel eine bedrückende Stimmung: Die fantastische Kamera erzeugt klaustrophobische Bilder, das Setdesign erweist sich als so fantasie- wie effektvoll.

Wie subtil Polanskis Werk uns manipuliert, lässt sich anhand der Darstellung von Carols Wohnung feststellen. Besteht diese zunächst nur aus zwei Zimmern, Küche und Bad, mutiert sie im weiteren Verlauf regelrecht. Der Flur streckt sich zu unnatürlicher Länge, auch die Räume verändern ihre Größe und sogar die Möblierung ändert sich. Am Höhepunkt des Films ist ein Klavier zu sehen, das überhaupt nicht in diese Niedrigverdiener-WG passt und nie zuvor zu sehen war. Carols kleiner Raum ist zum elterlichen Wohnzimmer ihrer Jugend mutiert, was in Verbindung mit der suggestiven letzten Einstellung einen eindeutigen Hinweis darauf gibt, wo die Probleme von Deneuves Figur ihren Ursprung haben.

Mit seiner bravourösen Inszenierung orchestriert Roman Polanski einen Meilenstein des Horrorgenres. Ekel erzeugt auch mehr als fünfzig Jahre nach seiner Veröffentlichung eine bedrückende Wirkung, begeistert mit seiner psychologisch dichten Herleitung einer albtraumhaften Filmwelt und dem brillanten Schauspiel von Catherine Deneuve.

Handlung:

Die Maniküre Carol lebt mit ihrer älteren Schwester Helen in einer kleinen Londoner Vorstadtwohnung. Während die lebenshungrige Helen die meiste Zeit mit Männern verbringt, lebt die sensible Carol lieber für sich allein. Vorgänge auf dem Weg zum Arbeitsplatz, Erlebnisse mit den Kundinnen, Begegnungen mit dem jungen Colin – das alles bestätigt Carols Abscheu vor Menschen und Dingen ihrer Umgebung. Als Helen und Michael verreisen und Carol allein lassen, befällt das Mädchen eine unheilvolle Angst, die sich immer stärker auswächst …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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