Im Morgengrauen ist es noch still

Ein Film von Stanislav Rostotsky

 

 | Erscheinungsjahr: 1972

 | Jahrzehnt: 1970 - 1979

 | Produktionsland: Russland

 

Der russische Antikriegsfilm Im Morgengrauen ist es noch still bricht mit den Konventionen des Genres. Keine kernigen Soldaten, sondern eine komplett weiblich besetzte Flak-Einheit steht im Zentrum des Films, der zudem einen ungewöhnlichen Tonfall anschlägt: Er begegnet dem Kriegsgeschehen mit Humor und Melancholie.

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Filmkritik:

Im Morgengrauen ist es noch still spielt im Sommer 1942 in der russisch-finnischen Grenzregion Karelien. Die wechselnden Besatzungen eines Außenpostens zur Flugabwehr verleben entspannte Tage. „Einmal möchte ich Soldaten bekommen, die nicht jeden Tag zechen und den Weibern hinterherlaufen!“, wünscht sich der Offizier Waskow.

Er wird erhört: Als eine neue Einheit eintrifft, muss Waskow feststellen, dass diese ausschließlich aus jungen Frauen besteht. Damit gerät seine geordnete Welt aus den Fugen – auch ein pflichtbewusster Offizier ist schließlich nur ein Mann.

Doch so lautstark Waskow sich über trocknende Unterröcke am Flakgeschütz und die Erfordernisse eines damengerechten Aborts beschwert – wir erkennen schnell, dass hinter der schroffen Fassade ein liebenswerter Kerl steckt. Auch den Frauen entgeht nicht, dass der Offizier morgens schon mal aus dem Quartier seiner Haushälterin kommt.

Mit dem heiteren Auftakt weckt Im Morgengrauen ist es noch still Sympathie für die Figuren und kann sich die ausgedehnte Exposition bei einer Spielzeit von drei Stunden auch leisten, zumal sie schon zu Beginn durch einen ersten Feindkontakt unterbrochen wird, der den leichtfüßigen Tonfall zur Seite wischt und die Protagonistinnen von einer anderen Seite zeigt: Am Flakgeschütz sitzt jeder Handgriff.

Hinter der soldatischen Kompetenz verbirgt sich ein aufgewühltes Innenleben, das uns Regisseur Stanislav Rostotsky durch mehrere melodramatische Rückblenden nahebringt. Er zeigt jeweils eine der Frauen vor dem Eintritt in den Militärdienst, es sind Augenblicke des Abschiednehmens und des selbstlosen Zuwendens zu einer größeren Sache.

Rostotsky taucht diese Szenen in knallige Farben und siedelt sie in artifiziellen Studiokulissen an, was dem fernen, dem vergangenen Zivilleben eine irrationale Note verleiht und zugleich eine Melancholie beschwört, die als Grundierung für die (schwarz-weiße) Gegenwart dient. Auf diese Weise stellt uns Rostotsky fünf Frauen näher vor, die er zusammen mit Waskow in den Hauptteil des Films schickt.

Die zweite Hälfte von Im Morgengrauen ist es noch still lässt den Stützpunkt und die lockere Stimmung zurück: Der kleine Trupp will zwei deutsche Fallschirmjäger im Hinterland gefangen nehmen und stößt dabei auf eine in puncto Truppenstärke und Erfahrung weit überlegene Spezialeinheit der Wehrmacht.

Nun kommt die Figurenanlage von Rostotskys Werk zur Geltung, bricht sie doch mit der Ikonografie des Genres. Wo der Antikriegsfilm seit 100 Jahren das männliche Heldentum beschwört und dieses beim Soldaten in Uniform inzwischen immanent angelegt ist, greift die mediale Konditionierung bei den Soldatinnen von Im Morgengrauen ist es noch still nicht. Sie sind keine Helden qua Bestimmung, sondern reifen erst durch ihr Tun dazu.

Seine Spannung zieht der Film allerdings eher aus der Anbahnung als aus der Durchführung der Gefechte. Das Beobachten des Feindes und das Schmieden von Plänen evozieren eine Hoffnung, die gerade groß genug ist, um die Heldinnen nicht aufzugeben. Die Gefechte verlaufen aufgrund der statischen Kamera recht spröde, Rostotsky ist offensichtlich nicht auf mitreißende Action aus.

Im Morgengrauen ist es noch still zieht seine emotionale Wirkung nicht aus einer furiosen Inszenierung, sondern aus der sorgsamen Aufbauarbeit in Hälfte eins. Dank der ausführlichen Exposition begreifen wir die Protagonisten nicht in ihrer abstrahierten soldatischen Funktion, sondern in erster Linie als Menschen. Der Krieg und sein Töten wirken hier nie „normal“, sodass sich zu keinem Zeitpunkt Genugtuung oder gar Freude über die bestrittenen Konflikte einstellt.

So überwiegt am Ende nicht die Erinnerung an die Actionszenen, sondern an die Ka­me­rad­schaft dieser besonderen Truppe. Passend dazu versieht Rostotsky den Film mit einer kurzen, aber effektvollen erzählerischen Klammer, die uns nach drei Stunden melancholisch verabschiedet.

★★★★☆☆

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