Barfuß durch die Hölle II erzählt die Geschichte des großartigen Vorgängers nahtlos weiter, greift dessen Themen aus einer neuen Perspektive auf und nahm damit einen Klassiker des Genres vorweg. In seinem Finale begibt sich der Mittelteil der Trilogie erstmals auf ein Schlachtfeld des Zweiten Weltkrieges.

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Filmkritik:

Nachdem Kaji am Ende des ersten Teils die Wehrdienstbefreiung entzogen wurde, treffen wir den desillusionierten Protagonisten nun in Uniform an. Barfuß durch die Hölle II schildert die Grundausbildung Kajis und beschreibt die grausame Indoktrinierung der Rekruten, denen gezielt die Menschlichkeit ausgetrieben wird.

Masaki Kobayashi betrachtet das Szenario des Vorgängers nun von unten statt von oben: Kaji gibt nicht länger Befehle, er muss sie befolgen. In einer Zeit, in der eine Offensive der Sowjetunion droht, möchte niemand einen Kommunisten in den eigenen Reihen sehen; folglich ist Kaji für Schikanen und Schläge prädestiniert. Kobayashis Film untersucht, ob der Held seinen Idealen trotzdem treu bleibt und fragt, welchen Preis er dafür zu zahlen bereit ist.

Der Umgang mit dem Unmenschlichen zählt zu den festen Themen der Trilogie, die ihren Protagonisten fortwährend weiterentwickelt. Kaji zieht sein Durchhaltevermögen aus der Liebe zu seiner Frau Michiko, die ihn sogar im Ausbildungslager besucht. Ihre gemeinsamen Szenen fallen zwar etwas melodramatisch aus, besitzen aber eine wichtige Funktion: Das Treffen der beiden wird wie ein utopisches Traumbild über dem Rest der Trilogie schweben.

Rekruten, die kein solches Versprechen auf eine bessere Zukunft besitzen, ergeht es deutlich schlechter: In einer denkwürdigen Szene erschießt sich einer von ihnen nachts auf der Toilette, was einen ähnlichen Moment aus Full Metal Jacket vorwegnimmt. Es ist eine von vielen Gemeinsamkeiten zwischen Barfuß durch die Hölle II und dem 30 Jahre später entstandenen Klassiker von Stanley Kubrick – beide Filme untersuchen das System der Entmenschlichung.

Kobayashis Werk verdeutlicht, wie die Ausbildung die Rekruten bricht, um die Leere mit blindem patriotischen Eifer zu füllen. Nach einigen Jahren der Konditionierung steigen die Männer zu Dienstältesten auf und sind nun ihrerseits für die Misshandlung der nachfolgenden Rekruten zuständig. Ihr abgestumpftes Urteilsvermögen kennt keine Differenzierung mehr, ihre „Gerechtigkeit“ keine Gnade.

Damit führt Barfuß durch die Hölle II seine kontroverse Linie fort: Nachdem Kobayashi im ersten Teil die japanischen Kriegsverbrechen thematisierte, demaskiert er im Nachfolger die stolze Kaiserliche Armee als faschistisch, irrgeleitet und unfähig. Bezeichnend: Selbst der Kommandeur von Kajis Ausbildungslager beschäftigt sich mehr mit der Pflege seines Samuraischwertes als mit der Führung der Soldaten.

Da Kaji sich trotz seiner politischen Ansichten als hervorragender Soldat erweist, erhält auch er den Auftrag, eine neue Gruppe Männer auszubilden und beschließt, sie gegen die Drangsalierung der Dienstältesten zu schützen.

Anhand seines Vorgehens erkennen wir einen Reifeprozess: Im Gegensatz zum ersten Teil, wo er das System mit aktivem Widerstand bekämpfte, arbeitet er diesmal passiv gegen die Umstände. Stellvertretend für seine Männer steckt er die Schläge ein und lebt damit soldatische Grundwerte wie Kameradschaft und Treue vor, die die Dienstältesten nur noch in pervertierter Form besitzen.

Zweieinhalb Stunden ertragen wir den Dauerdruck gemeinsam mit Kaji, bevor seine Einheit an die Front versetzt wird. Obwohl die Invasion der Sowjets unmittelbar bevorsteht, verspüren wir Erleichterung. Mit der Verlagerung des Geschehens von den düsteren Baracken in die weitläufige Landschaft der Mandschurei kann das Breitbildformat seine Stärken ausspielen. Kobayashis Bilder sind fantastisch und evozieren ein verloren geglaubtes Gefühl der Freiheit.

Auch die 20-minütige Schlacht im Finale inszeniert der Regisseur klug: Die Action fällt wuchtig aus und bedient trotzdem kaum Elemente des Unterhaltungskinos. Weil Kobayashi auf Pathos, eine musikalische Untermalung und ausgedehnte Spannungsszenen verzichtet, mutet das Gefecht regelrecht mechanisch an. Letztendlich ist es das auch – ein unpersönliches Abschlachten. Die Japaner können den russischen Panzern nichts entgegensetzen, ihr jahrelanger Drill erweist sich als vollkommen nutzlos.

Inmitten der Grausamkeiten geht Kaji einen weiteren Entwicklungsschritt und tötet – dem Urinstinkt des Überlebenwollens unterliegt auch er. Seine Liebe zu Michiko verhindert die Selbstaufgabe: „Ich bin ein Monster, aber ich werde hier rauskommen!“, schwört Kaji und begibt sich auf eine Odyssee nach Hause. Ob er dort ankommt und sich seine Menschlichkeit bewahrt, erzählt Barfuß durch die Hölle III.

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DER REGISSEUR

Masaki Kobayashi zählt zu den prägendsten Regisseuren seiner Ära. In seinen gesellschaftskritischen Arbeiten brach der Filmemacher mit dem japanischen Selbstverständnis und sinnierte über unbequeme Themen. Doch das hielt ihn nicht davon ab, sein Talent als Geschichtenerzähler auszuspielen und ein ums andere Mal seine handwerkliche Meisterschaft zu beweisen.

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DAS GENRE

Obwohl das Genre auf ein spezifisches Thema festgelegt ist, bieten sich dem Betrachter eine Vielzahl Subtexte und Motive. Während Kriegsfilme sich vornehmlich auf Abenteuer, Kameradschaft und Heldenmut konzentrieren, eröffnen sich im Antikriegsfilm eine Vielzahl von Themen: Moral und Menschenrechte, der Horror und die Absurdität des täglichen Grauens oder die perverse Systematik dahinter.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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