Full Metal Jacket

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Filmkritik:

Stanley Kubricks Full Metal Jacket zählt zu den Ausnahmefilmen seines Genres. Der meisterhafte Antikriegsfilm zeigt, wie der Staat unbescholtene Bürger emotional aushöhlt und zu Killermaschinen umfunktioniert. Mittels eines genialen Schachzuges gelingt es Kubrick, diese Konditionierung auch auf das Publikum anzuwenden.

Alles, was die frisch zur Ausbildung eingezogenen jungen Männer vom Krieg wissen, entstammt schwülstigen Schlagersongs wie jenem, der zur Eröffnungsszene von Full Metal Jacket läuft. Bereits hier schildert Kubrick den ersten Schritt der staatlichen Indoktrination, wenn den Rekruten der Kopf kahl geschoren wird: eben noch unterschiedliche junge Männer aus Texas, Montana oder Tennessee, nun uniforme, eingeteilte, gruppierte Soldaten der Vereinigten Staaten.

Schon die zweite Szene startet die Gehirnwäsche und etabliert den prägendsten Einfluss des Films: Gunnery Sergeant Hartman brüllt, flucht und droht sich in die Köpfe der Protagonisten, entreißt sie ihrem zivilen Vorleben und lebt eine Militärdoktrin vor, die anstandslos zu akzeptieren ist. Hartmans Worte sind Gesetz, das jede früher angenommene Moral oder Gesinnung verdrängt. Sein Patriarchat stellt das gesunde zivile Menschsein der Rekruten von vorneherein infrage und verkleinert konsequent ihr Weltbild, bis nur noch der unerbittlich-funktionale kleinste gemeinsame Nenner übrig bleibt: Töte, sonst wirst du getötet.

Sergeant Hartman gleicht mehr und mehr einem allmächtigen, stets zornigen Gott, der alles dominiert: Ihm gehören achtzig Prozent der Dialoge, es gibt keine Möglichkeit, sich seinem Weltbild zu entziehen. Seine archaischen Machtmechanismen und Männlichkeitsrituale dekonstruieren jede intellektuelle und soziale Haltung, während gleichzeitig jede Nachlässigkeit auf das Strengste verfolgt wird.

Dem Rekruten Private Paula unterlaufen viele solche Nachlässigkeiten, folgerichtig etabliert ihn Hartman als negatives Spiegelbild des ehrenhaft-männlichen Soldaten, verhöhnt und bestraft ihn. Doch damit nicht genug: Das perfide Ausbildungssystem sorgt dafür, dass es seine Kameraden Hartman gleich tun. Auch sie stellen sich nun gegen Paula, um den Anforderungen des Ausbildungsapparates gerecht zu werden. In einer erschütternden Szene bestrafen sie Paula und entsagen damit endgültig allem, was die zivile Gesellschaft ausmacht.

Nach etwas mehr als vierzig Minuten Spielzeit ist die Ausbildung abgeschlossen und ein Großteil der Rekruten, zu denen auch Private Joker, die Hauptfigur von Full Metal Jacket, zählt, wird nach Vietnam versetzt.

Doch Kubricks Vietnamkrieg unterscheidet sich deutlich von seinen filmischen Varianten aus Platoon oder Apocalypse Now. Der Regisseur verzichtet auf imposante Bilder und ikonografische Momente, inszeniert keine großen Gefechte, baut keine prägnanten Charaktere auf und nutzt keinerlei Pathos.

Die allgemeine Rezeptionshaltung wertet die zwei in Vietnam spielenden Drittel im Gros daher negativ: Kubricks Regie bleibe zu konventionell und zu wenig mitreißend, was nach der fesselnden Ausbildung der Soldaten einen deutlichen Spannungsabfall bewirke. Exakt diese Sichtweise ist die von Kubrick intendierte und belegt seinen gelungenen Geniestreich. Sie beweist, wie umfassend und perfide Full Metal Jacket mit seinem charismatischen Gunnery Sergeant Hartman nicht nur die Soldaten, sondern auch sein Publikum manipuliert.

Tatsächlich erschlägt das erste Drittel der Ausbildung den gesamten restlichen Film – doch ist das kein Fehler, sondern eine bewusste Kalkulation. Auch wir Zuschauer gehen mit unserer sozialen Prägung in diesen Film und lassen uns von Hartman in die Mangel nehmen. Auch wir adaptieren für die Dauer des Films sein pervertiertes Werte- und Ordnungssystem und lassen uns heiß machen auf das, was noch folgen soll – wir sind bereit für mehr! Mit dem Ende der Ausbildung verschwindet Hartman und hinterlässt ein Vakuum, das der Krieg nicht mehr füllen kann.

Full Metal Jacket zeigt trotz der Armut an Höhepunkten kaum weniger Terror und Schrecken als andere Antikriegsfilme: niedergemetzelte Frauen und Kinder, literweise Blut und minutenlang verreckende Soldaten. Obwohl Kubricks Kriegsszenen alles andere als banal sind, erscheinen sie nach der wahnwitzigen Ausbildung seltsam fade. So haben sich Soldaten und Zuschauer das nicht vorgestellt, der tägliche Tod gerät dank Kubricks genialer Konditionierung zur bedeutungslosen Randerscheinung.

Hinter allem liegt eine große, bittere Lächerlichkeit, die der Film immer wieder subtil zum Vorschein bringt. Wer Hartmans Männlichkeitsrituale für eine kumpelhafte Auflockerung der Ausbildung gehalten hat, wird über dessen Nachhall eines besseren belehrt, als ein Marine eine gegnerische Soldatin niederschießt. Mit ihrem Todeskampf konfrontiert, weiß er nur damit umzugehen, indem er sich auf die gelernten Alphatier-Mechanismen der Ausbildung besinnt. „Bin ich jetzt ein geiler Stecher?“ ruft er. Während seine Kameraden schweigen, gibt Kubrick die Antwort: Das schmerzerfüllte Gesicht der Sterbenden in Großaufnahme bricht die maskuline Scheinwelt des Krieges. Am Offensichtlichen drückt Full Metal Jacket die Leere seiner Figuren bei Interviews mit Kriegsberichtserstattern aus, in denen sich die Soldaten ausschließlich in Parolen oder Polemiken ergehen und offenbaren, dass sie keinen Antrieb und kein Verständnis haben, warum sie für ihr Land zu kämpfen.

In Apocalypse Now waren es der Krieg und seine Umstände, der die Soldaten wie ein Fieber langsam dahinraffte, in Full Metal Jacket zeigt Stanley Kubrick, dass dies kein Zufall, sondern staatliche Kalkulation ist. Die militärische Ausbildung widerspricht menschlichen Grundprinzipien und konditioniert auch das Publikum derart, dass das Monstrum Krieg, das Kubrick zwar dokumentarisch, aber durchaus entsetzlich inszeniert, seinen Schrecken verliert.

Somit bietet die letzte Szene des Films auch mitnichten ein Happy End: „Ich bin am Leben und ich habe keine Angst.“, sagt Private Joker, während er mit seiner Gruppe von Killermaschinen durch die flammengeschwängerte Nacht marschiert. Wie kann er auch Angst haben, wenn der Staat ihm sämtliche Werte genommen und seine Persönlichkeit zerstört hat?

Full Metal Jacket zählt neben Elem Klimows Komm und sieh und Kon Ichikawas Feuer im Grasland zu den besten Antikriegsfilmen der Kinogeschichte.

Handlung:

Parris Island, South Carolina: Hier werden junge Rekruten zu US-Marines ausgebildet und danach in den Vietnam-Krieg geschickt. Von Anfang an herrschen raue Sitten und menschenverachtende Bedingungen. Durch den ewig schreienden Ausbilder Hartman werden die jungen Männer aufs Schärfste trainiert, nicht alle halten dem Druck stand. Doch nach der Ausbildung müssen die Soldaten in die grüne Hölle, nach Vietnam, wo noch schlimmere Erlebnisse auf sie warten…

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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