Full Metal Jacket

Regie: | Jahrzehnt: | Genre:


Kurzkritik:

Mit Full Metal Jacket ist Stanley Kubrick ein meisterhafter Antikriegsfilm gelungen, der zeigt, wie der Staat unbescholtene Bürger emotional aushöhlt und zu Killermaschinen mutieren lässt. Doch wo andere Werke mit blutrünstigen Kriegsbildern arbeiten, um ihre Botschaft zu vermitteln, bedient sich Kubricks Film eines ganz besonderen Clous, dessen Wirksamkeit durch die allgemeine Rezeptionshaltung vollumfänglich bestätigt wird.

Denn ironischerweise werden die Kriegsszenen des Films eher negativ besprochen. Sie seien zu konventionell, zu wenig mitreißend. Deutlich größere Qualität wird in der Regel der Soldatenausbildung in der ersten Filmhälfte bescheinigt, mit ihrem hochcharismatischen Ausbilder, dem absurden Humor und den vielen mitreißenden Ansprachen und wahnwitzigen Momenten. Doch genau hier werden nicht nur die Soldaten, sondern auch das Publikum konditioniert. Es wird abgelenkt, mit einem pervertierten Werte- und Ordnungssystem konfrontiert und heißgemacht auf das, was noch folgen soll. Doch obwohl auch Full Metal Jacket kaum weniger Terror und Schrecken zeigt als andere Antikriegsfilme, wirkt das Geschehen nach der energetischen Ausbildung seltsam banal und absolut nicht episch – so haben sich die Soldaten und die Zuschauer das nicht vorgestellt, es gibt keine „Highlights“, sondern „nur“ ein paar abgeschlachtete Soldaten, Frauen und Kinder in konventionellen, szenenweise fast schon dokumentarisch anmutenden Bildern.

Neben dieser inszenatorischen Meisterleistung schildert Full Metal Jacket die absurd-bittere Lächerlichkeit des Krieges in vielen feinen Nuancen, beispielsweise in absurden Interviewsequenzen und einer obskuren, doppelbödigen Schlusserkenntnis. Mag sein, dass Kubricks Manipulation hier perfekt klappt und er zuletzt lacht, doch sein Triumph ist ein bitterer, denn wir Menschen sind scheinbar viel zu leicht zu beeinflussen. Full Metal Jacket zählt damit neben Elem Klimows Komm und sieh! und Kon Ichikawas Feuer im Grasland zu den besten Antikriegsfilmen der Kinogeschichte.

Ausführliche Filmkritik:

Alles, was die jungen Männer, frisch zur Ausbildung eingezogen, vom Krieg wissen, entstammt schwülstigen Schlagersongs wie jenem, der zur Eröffnungsszene von Full Metal Jacket läuft. Schon hier beginnt die von Stanley Kubrick meisterhaft in Szene gesetzte staatliche Maschinerie, aus unbescholtenen jungen Bürgern Killermaschinen zu züchten. Vor der Gehirnwäsche muss der Kopf geschoren werden: die Männer, ob aus Texas, Montana oder Tennessee, werden bereits in den ersten Filmsekunden uniform gemacht, eingeteilt, gruppiert.

Schnitt. Szene Zwei etabliert einen Mann, der Figuren wie Zuschauer entscheidend prägen wird. Gunnery Sergeant Hartman brüllt, flucht und droht sich in die Köpfe der Protagonisten, entreißt sie ihrem zivilen Vorleben und lebt eine Militärdoktrin vor, die anstandslos zu akzeptieren ist. Was Hartman sagt, wird zum Gesetz, wird oberstes Prinzip und verdrängt jede früher angenommene Moral oder Gesinnung. Hartmans Patriarchat zerstört die Rekruten, stellt ihr gesundes Menschsein von vorneherein in Frage und verkleinert konsequent ihr Weltbild, bis nur der unerbittlich-funktionale kleinste gemeinsame Nenner übrig bleibt: Töte, sonst wirst du getötet. Das staatliche Ausbildungssystem ist dabei überaus präzise, nutzt Männlichkeitsrituale und Machtmechanismen. Sergeant Hartman, der nach und nach zu einem allmächtigen, stets zornigen Gott aufsteigt, gehören achtzig Prozent der Dialoge, es gibt keine Möglichkeit, sich ihnen zu entziehen – und Hartmans Wirkung ist enorm. Er lebt Stärke vor und verfolgt aufs Strengste jede Nachlässigkeit, wie etwa jene, die der Paula genannte Rekrut des Öfteren begeht. Folgerichtig wird Private Paula als negatives Spiegelbild des ehrenhaft-männlichen Soldaten etabliert und fortwährend verhöhnt. Letztlich zwingt das Ausbildungssystem seine eigenen Kameraden, ihn zu bestrafen, wie Hartman es bereits vormachte. Bereits in dieser erschütternden Szene wird deutlich, wie der Staat sämtliche Werte verdreht, beschneidet und ausmerzt, um einen Killerinstinkt auszubilden, der die Rekruten letztlich dazu bewegt, sich gegen einen der ihren zu stellen, um den Anforderungen des Ausbildungsapparates zu entsprechen.

Nach etwas mehr als vierzig Minuten Spielzeit ist die Ausbildung abgeschlossen, ein Großteil der Rekruten, unter ihnen auch die Hauptfigur Private Joker, wird nach Vietnam versetzt. Kubricks Vietnam, wie auch seine Inszenierung, unterscheiden sich stark von anderen Antikriegsfilmen. Im Gegensatz zu Platoon und Apocalypse Now versucht Full Metal Jacket keinesfalls, Krieg auf die Spitze zu treiben, bietet weder imposante Bilder, noch klassisch-memorablen Szenen, schlicht keine großen Momente. Zudem geht dem Film jegliches Pathos ab, auch prägnante Charaktere fehlen. Da verwundert die allgemeine Rezeptionshaltung, in der die zwei Vietnam-Drittel meist schlecht wegkommen, nur wenig. Doch gerade hier liegt die eigentliche Stärke von Kubricks Inszenierung und dem Drehbuch, hier beweist Full Metal Jacket, wie perfide er nicht nur die Soldaten, sondern auch sein Publikum manipuliert.

Obwohl die Szenen der Rekrutenausbildung nur ein Drittel der Spielzeit einnehmen, drücken sie dem gesamten Film ihren Stempel auf. Sergeant Hartman hinterlässt ein Vakuum, das vom Krieg danach nicht mehr gefüllt werden kann. Kubricks Vietnam bebildert trotz der Armut an „Höhepunkten“ zahllose Schrecken: Da werden Frauen und Kinder niedergemetzelt, literweise Blut vergossen und Soldaten sekundenlang beim Verrecken beobachtet. Trotzdem wirkt der Krieg nach der wahnwitzigen Ausbildung fade, der tägliche Tod gerät zur bedeutungslosen Randerscheinung für die ausgehöhlten Soldaten. Und der Zuschauer? Der erinnert sich nach dem Film an Hartman, an die Flüche, an das Gebrüll, an die Ausbildung, die wesentlich mehr Emotionen geweckt hat als die Szenen des Krieges, die nur ab und an einige Tote zeigen, aber große, epische Momente vermissen lassen. Derart banal haben sich Soldaten wie Zuschauer den Konflikt nicht vorgestellt – doch trotz der zahllosen Schrecken wird er so wahrgenommen, denn das Publikum wurde genauso konditioniert wie die Rekruten.

Die große, bittere Lächerlichkeit des Feldzuges kommt hingegen eher subtil zum Vorschein, wird aber äußerst gekonnt dargestellt. Da schießt ein Marine eine gegnerische Soldatin nieder, sieht ihren qualvollen Todeskampf und weiß damit nur umzugehen, indem er sich auf die gelernten Alpha-Tier-Mechanismen der Ausbildung besinnt. „Bin ich jetzt ein geiler Stecher?“ ruft er. Während seine Kameraden schweigen, gibt Kubrick die Antwort: Das schmerzerfüllte Gesicht der Sterbenden in Großaufnahme bricht die maskuline Scheinwelt des Krieges. Am Offensichtlichen wird die Leere der Figuren bei Interviews mit Kriegsberichtserstattern, bei denen sich die Soldaten ausschließlich in Parolen oder Polemiken ergehen und offenbaren, dass sie keine Motivation, keinen Antrieb haben, um für ihr Land zu kämpfen.

Wo in Apocalypse Now der Krieg die Soldaten wie ein Fieber langsam dahinrafft, zeigt Stanley Kubrick mit Full Metal Jacket, dass nicht der Krieg, sondern der Staat dahinter die Menschen zerstört. Das erste Drittel ist eindrucksvoll umgesetzt, zeigt die menschenverachtende Ausbildungsmaschinerie und konditioniert auch das Publikum derart, dass das Monstrum Krieg, das Kubrick zwar dokumentarisch, aber durchaus entsetzlich inszeniert, seinen Schrecken verliert. Somit bietet die letzte Szene des Films auch mitnichten ein Happy End: „Ich bin am Leben und ich habe keine Angst“, sagt Private Joker, während er in seiner Gruppe von Killermaschinen durch die flammengeschwängerte Nacht marschiert. Wie kann er auch Angst haben, wenn der Staat ihm sämtliche Werte genommen und seine Persönlichkeit zerstört hat?

Handlung:

Parris Island, South Carolina: Hier werden junge Rekruten zu US-Marines ausgebildet und danach in den Vietnam-Krieg geschickt. Von Anfang an herrschen raue Sitten und menschenverachtende Bedingungen. Durch den ewig schreienden Ausbilder Hartman werden die jungen Männer aufs Schärfste trainiert, nicht alle halten dem Druck stand. Doch nach der Ausbildung müssen die Soldaten in die grüne Hölle, nach Vietnam, wo noch schlimmere Erlebnisse auf sie warten…

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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One Comment

  1. Larry Schwamborn 3. Oktober 2015 at 16:32 - Reply

    Super Film… Habe ich mindestens 10mal geguckt

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