Im Westen nichts Neues

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Filmkritik:

1930 veröffentlichte das junge Studio Universal des Deutschen Carl Laemmle Sr. mit Im Westen nichts Neues eine Prestigeproduktion. Die Verfilmung des damals kontrovers diskutierten gleichnamigen Romans von Erich Maria Remarque gewann den Oscar für den besten Film und stellte den bis dato aufwendigsten Antikriegsfilm dar.

Der erste Film des Genres mag King Vidors Die große Parade aus dem Jahr 1925 sein, doch weil dieser auch komödiantische Versatzstücke benutzt und den Krieg als Stummfilm weniger wuchtig in Szene setzen konnte, würde ich Im Westen nichts Neues zum ersten mustergültigen Antikriegsfilm titulieren; das Werk von Regisseur Lewis Milestone schildert den Ersten Weltkrieg konsequent mit den bis heute gültigen Konventionen des Genres.

Als ein Lehrer zu Beginn des Ersten Weltkrieges eine pathosgeladene Rede hält, meldet sich der 18-jährige Paul Bäumer zusammen mit allen Klassenkameraden freiwillig zur Einberufung. Doch der wärmende Patriotismus währt nicht lange, denn die harte Rekrutenausbildung offenbart die unangenehmen Seiten des Soldatentums: Aus dem tumben Briefträger Himmelstoß ist ein Unteroffizier geworden, der die neugewonnene Macht dazu nutzt, seine Rekruten zum Vergnügen zu schinden. Ähnlich wie später in Stanley Kubricks Meisterwerk Full Metal Jacket stellt auch Im Westen nichts Neues die Entmenschlichung des Militärsystems heraus und legt Himmelstoß bezeichnende Sätze in den Mund: „Vergesst, wer ihr seid. Ich mache entweder Soldaten aus euch, oder ich töte euch.“

Als die jungen Männer nach ihrer Ausbildung an die Front versetzt werden, erleben sie einen Kulturschock – trotz ihrer „harten“ Ausbildung werden sie als Frischlinge tituliert, um sich herum treffen sie auf einen allgegenwärtigen Zynismus – es ist der einzige Schild gegen den alltäglichen Wahnsinn, der den desillusionierten „alten Hasen“ noch bleibt.

Regisseur Lewis Milestone, der während des Krieges für die Fotografieabteilung des US-Militärs arbeitete und dadurch den bedrückenden Kriegsalltag kannte, setzt das Geschehen brillant in Szene und findet immer wieder bemerkenswerte Bilder. Die Ankunft Paul Bäumers auf dem Schlachtfeld inszeniert Milestone wie ein mehrdimensionales Gemälde mit gleich vier Ebenen: Der Blick aus einem Fenster im Vordergrund offenbart Verwundete, die aus Eisenbahnwaggons getragen werden; eine Ebene dahinter marschieren neu eingetroffene Soldaten inmitten von Ruinen Richtung Front; noch eine Ebene tiefer verkündet der von Artillerierauch verhangenen Himmel Unheilvolles.

Die todbringende Systematik des Krieges spiegelt eine memorable Sequenz wieder, in der ein Soldat die besonders bequemen Stiefel eines gefallenen Kameraden anzieht, aber wenige Filmsekunden später durch ein Shrapnell stirbt. Kurz darauf trägt ein anderer Soldat die Stiefel und erhält einen Kopfschuss. So wandern die Stiefel immer weiter – ein endloser Todesreigen, dessen Grauen durch die Anonymität der Gefallenen noch steigt.

Auch die Gefechte in den Schützengräben inszeniert Milestone packend. Dank hunderter Statisten und fulminanter Explosionen, dem omnipräsenten Wummern und Pfeifen der Mörsergranaten und dem Einsatz einer überraschend mobilen Kamera wirkt Im Westen nichts Neues unheimlich modern und vermittelt wirkungsvoll den täglichen Albtraum der Soldaten.

Weil der Roman das Schicksal Paul Bäumers weitestgehend im Dunkeln lässt, benötigte Universal für die Filmadaption ein neues Finale. Die entscheidende Idee eines Schmetterlings im Niemandsland steuerte der (im Abspann ungenannte) begnadete deutsche Kameramann Karl Freund bei und setzte diese Szene auch selbst um.

Nie zuvor veranschaulichte ein Film das Grauen des Ersten Weltkrieges so fesselnd wie Im Westen nichts Neues. Die herausragende Inszenierung von Regisseur Lewis Milestone ist – auch dank des enormen Produktionsaufwandes – hervorragend gealtert. Im Kanon des Antikriegsfilms nimmt Milestones Werk einen unumstrittenen Platz ein.

Handlung:

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges: Als ein nationalistischer Lehrer seiner Schulklasse ein flammendes Plädoyer für das Abenteuer Krieg und die deutschen Tugenden hält, schreiben sich der 18-jährige Paul Bäumer und seine Mitschüler voller Begeisterung für die Soldatenausbildung ein. Nach dem so kurzen wie harten Drill erhält die Truppe den Marschbefehl zur Westfront und erlebt dort den Horror der Grabenkämpfe. Als immer mehr seiner Klassenkameraden fallen, erkennt Paul Bäumer, dass Ideale und Patriotismus im Angesicht des Krieges keinen Bestand haben.

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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