Wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstanden, entwickelt das Drehbuch von Harry Behn die typischen Stationen des Genres und schildert die Kriegsbegeisterung, der sich Protagonist Jim Apperson nicht entziehen kann: Der Amerikaner meldet sich nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten freiwillig und wird noch am Anfang des Films mit seiner neuen Truppe nach Frankreich versetzt.
Eine gute Stunde lang baut Die große Parade das Setting und die Figuren auf. Jim und die anderen Soldaten halten sich auf einem beschaulichen Bauernhof für den Ernstfall bereit und genießen das Lotterleben. Das Drehbuch nutzt diese Phase, um die Kameradschaft der Männer zu zeigen und mit einigen flotten Sprüchen für Amüsement zu sorgen, bevor sich eine Liaison zwischen Jim und der jungen Französin Mélisande entspinnt, die ebenfalls heiter in Szene gesetzt wird.
Wer sich angesichts dieser romantischen Komödie im falschen Film wähnt, bekommt in der zweiten Filmhälfte die erwartete Kost geboten – aus heiterem Himmel ertönt das Signal zum Aufbruch. Jim muss seine Mélisande zurücklassen und fährt mit seinen Kameraden in einem Korso aus hunderten LKWs – der titelgebenden großen Parade – an die Front. Dort geraten die jungen Männer in heftige Gefechte, die ihnen die Kriegslust austreiben.
Trotz einiger schöner Massenszenen fehlt den Kampfsequenzen von Die große Parade der letzte Biss: Die Inszenierung bricht das kollektive Sterben auf zu simple Einzelszenen mit wenigen Soldaten herunter, gleichzeitig stößt der Stummfilm auf der Tonebene an eine Grenze. So hervorragend die Musik von William Axt das Geschehen über weite Strecken illustriert – die Gefechte wirken durch das Fehlen des Dröhnen, Wummern und Pfeifen der Schrapnelle wenig kraftvoll.
Inmitten der Kämpfe findet Vidors Werk den Raum für die Botschaft und formuliert einen anklagenden Monolog gegen den inhumanen Krieg, in dem niemand gewinnt. Als Jim einen deutschen Soldaten in einem Bombenkrater überrascht und ihn tödlich verwundet, bekommt der bis dato anonyme Feind ein Gesicht. Der Film verzichtet im Gegensatz zu Werken wie Der Soldat James Ryan auf Ressentiments – Jim erkennt in dem stöhnenden Gegner einen Bruder, bietet ihm eine Zigarette an und beobachtet ihn mitleidsvoll beim Sterben.
Als die Schlacht aus ist, setzt sich die große Parade erneut in Bewegung – wieder rollen hunderte LKWs durch die Landschaft und transportieren die Verletzten ab. An dieser Stelle verdeutlicht Die große Parade in nur einer kurzen Einstellung die Maschinerie des Todes und erteilt jeglichem Heldentum eine Absage. In seinen letzten Minuten hält der Film noch einige weitere böse Überraschungen bereit, sein Potenzial zum erschütternden, tragischen Klassiker lässt Vidors Werk jedoch liegen und zaubert ein versöhnliches Ende aus dem Hut.
Auch dank des angenehm zurückhaltenden Hauptdarstellers John Gilbert überzeugt Die große Parade. Die erste, im Stil einer romantischen Komödie erzählte Hälfte bildet einen wirkungsvollen Kontrast zu den Kriegsszenen und stellt darüber die Unnatürlichkeit gewalttätiger Auseinandersetzungen heraus. Die Arbeit von King Vidor vermag nicht mehr nachhaltig zu erschüttern, funktioniert allerdings von Anfang bis Ende und lieferte eine Blaupause für alle nachfolgenden Antikriegsfilme.