Anlässlich des 21. Jahrestages des Atombombenabwurfs auf Hiroshima beauftragte der BBC seine Dokumentarfilmabteilung, eine Auseinandersetzung mit atomarer Kriegsführung zu drehen. Der junge Regisseur Peter Watkins lieferte The War Game und schockierte die Produzenten. Die BBC verzichtete auf eine Ausstrahlung hielt den Film 20 Jahre lang unter Verschluss.

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Filmkritik:

Als progressiver Regisseur entschied sich Peter Watkins für die Form der Mockumentary. In seiner fiktionalisierten Dokumentation schildert der Regisseur die Folgen eines atomaren Angriffs auf Großbritannien. Die ungeschönte Studie gewann einen Preis bei den Filmfestspielen in Venedig und einen Oscar für den besten Dokumentarfilm. Der BBC strahlte die 1966 produzierte Arbeit jedoch erst 1985 aus.

Seine Schockwirkung hat sich The War Game bis heute bewahrt. Als populistische Panikmache lässt sich Watkins‘ Werk nicht abtun: Der Film basiert auf realen Studien und arbeitet mit echten Zitaten. sondern nähert sich seinem Thema auch mit intellektueller Schärfe und sachlichem Tonfall. Der Schrecken des Werkes entsteht zunächst auf einer faktischen Ebene und erst danach emotional.

Watkins startet mit einer Begutachtung der Notfallpläne der britischen Regierung, die sich während des Kalten Krieges auf den Ernstfall vorbereitete. Während der ruhige, faktenorientierte Off-Erzähler konkrete Vorbereitungsmaßnahmen und Statistiken aufführt, spiegelt der Film ein Gefühl der Sicherheit: Die Regierung ist vorbereitet.

Doch schnell entlarvt Watkins die Vorbereitungen als vollkommen unzureichend und bricht abstrakte politische Entscheidungen auf den tatsächlichen Alltag herunter. So druckt die Regierung zwar Tausende Broschüren, die über Wirkung und Schutz vor atomarer Strahlung aufklärt, verteilt diese aber nicht kostenlos an die Bürger, sondern besitzt die Chuzpe, die Informationen nur gegen Geld anzubieten.

Ein anderes Beispiel: Im Falle einer atomaren Gefahr subventioniert die Regierung Material für die Befestigung des eigenen Heims. Was zunächst gut klingt, entpuppt sich als lachhaft: Dank der staatlichen Unterstützung kann sich der Durchschnittsbürger nun ganze acht Sandsäcke und sechs Holzlatten leisten.

Nach einem Drittel der Spielzeit kommt der Tag X: Atomraketen schlagen in Großbritannien ein. The War Game verzichtet auf Explosionsbilder und Massensterben, sondern schildert den Moment aus der Sicht einer in ihrer Wohnung auf dem Land befindlichen Familie.

Erneut schildert der Erzähler die Auswirkungen: Der Lichtblitz lässt Menschen erblinden, die sich anschließende Hitzewelle sorgt noch in sechs Kilometer Entfernung für Verbrennungen dritten Grades und brennendes Mobiliar, die einige Sekunden später folgende Schockwelle zerstört Fenster und bläst radioaktive Winde über das Land. Der Tag endet mit den bedrückenden Bildern von Feuerwehrleuten, die gegen unlöschbare Flammen ankämpfen und verbrennen.

Der wahre Horror folgt jedoch erst noch, wenn Watkins die nächsten Wochen und Monate schildert: Weil die Versorgungslage immer prekärer gerät, bricht die öffentliche Ordnung zusammen, in den anarchischen Zuständen kämpfen die Menschen um Lebensmittel und Medizin. Unfälle, Morde und die Strahlenkrankheit fordern unzählige Todesopfer.

Nach wie vor kontrastiert Watkins das Geschehen durch interviewartige Einspieler mit realen Zitaten. Wenn ein anglikanischer Pastor kundtut, er glaube an einen gerechten Krieg und wir dazu sehen, wie Menschen in einem Auto verbrennen, wirken solche dogmatische Glaubenssätze wie blanker Hohn.

Die Beweisführung von The War Game ist so klug wie eindringlich. Das erste Drittel zerstört jegliche Abstraktionsmöglichkeit und verdeutlich, dass im Angesicht einer atomaren Explosion keine Logik mehr anwendbar ist. Der Rest des Films veranschaulicht den Horror nachdrücklich und formuliert eine klare Botschaft: Es gibt keinen Schutz vor Atomwaffen und keine Entschuldigung, sie zu besitzen.

Watkins‘ Werk funktioniert ohne bloße Panikmache und erweist sich als meisterhaft inszeniertes Mahnmal, das auch mehr als 50 Jahre nach seiner Entstehung für ein eindringliches Filmerlebnis sorgt und die ultimative Anklage von Atomwaffen darstellt.

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DIE GATTUNG

Das Wort Mockumentary setzt sich aus zwei Begriffen zusammen – aus Documentary, also dem Dokumentarfilm, sowie dem Verb (to) mock, das „vortäuschen“ bedeutet. Mockumentaries sind also fiktive Dokumentationen, die vortäuschen, echt zu sein. Regisseure nutzen dieses Format wahlweise als ungewöhnliches narratives Mittel (bspw. in fiktiven Biographien) oder für deutlich ernstere Stoffe, die besonders eindringlich an den Zuschauer appellieren sollen.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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