Filmkritik:

Der japanische Antikriegsfilm Feuer im Grasland verwandelt die Pazifikinsel Leyte in ein apokalyptisches Inferno. Obwohl das Meisterwerk von Regisseur Kon Ishikawa beinahe ohne Kampfhandlungen auskommt, zählt es zu den eindringlichsten Vertretern des Genres und steht ungleich bekannteren Filmen wie Full Metal Jacket oder Apocalypse Now in nichts nach.

Feuer im Grasland spielt im Endstadium des Zweiten Weltkrieges: Die amerikanischen Streitkräfte fegen die längst geschlagenen Japaner von den Inseln im Pazifik. Wie eine große Welle ist der amerikanische Angriff auch über die Insel Leyte geschwappt und hat nur einige verstreute Soldaten zurückgelassen.

Unter ihnen befindet sich auch Tamura, der von seinem Vorgesetzten aus der Einheit verstoßen wurde. Weil er an Tuberkulose erkrankt und deshalb nicht einsatzfähig ist, wollte der Offizier keine Essensrationen an ihn verschwenden. Sollte das Lazarett Tamura abweisen, müsse er sich mit einer Handgranate umbringen. So beginnt ein endloser Fußmarsch über die Insel. Betäubt durch Krankheit und Hunger taumelt Tamura durch den Dschungel und hofft, nicht von den Marines, den philippinischen Guerillas oder den eigenen Leuten erschossen zu werden.

Das wirkt umso barbarischer, weil der Krieg längst woanders tobt, auf Leyte spielen sich nur noch letzte Nachwehen ab. Japanische Einheiten heben noch sinnlose Schützengräben aus, doch die Amerikaner greifen nicht mehr an, die Schlacht ist längst entschieden. Stattdessen fahren sie mit ihren Jeeps über die Insel und schießen ab und an pro forma ein paar Salven in den Dschungel. Wer jetzt noch stirbt, stirbt für nichts.

Die Auflösungserscheinungen der ehemals stolzen kaiserlichen Armee gehen an den Soldaten nicht spurlos vorbei. Abgeschnitten von jedweder Organisation, werden militärische Tugenden obsolet: Niemand gibt mehr Befehle, das Rangsystem spielt keine Rolle mehr. Durch die lebensfeindliche Lage folgt zwangsläufig ein weiterer Abfall, nach dem militärischen folgen nun die sozialen Normen und zuletzt jede allgemeingültige Moral. Der Krieg hat eine archaische Welt geformt, die die verbliebenden Soldaten in die totale Entmenschlichung treibt, um das eigene Überleben zu sichern.

Regisseur Kon Ichikawa setzte sich vehement dafür ein, seinen Film in Schwarz-Weiß drehen zu dürfen. Das komplett auf Farbfilme fokussierte Produktionsstudio Daiei lenkte letztlich ein und ermöglichte damit die trostlosen Bilder des Films. Statt hübsche Naturbilder zu servieren, verzerrt Feuer im Grasland das Terrain regelrecht. In unzähligen Totalen fängt Ichikawa die kargen Vulkanfelsen der Insel ein und lässt die versprengten Männer wie hilflos umherkriechende Ameisen wirken. Die Einstellungen von Soldaten, die zwischen den achtlos verstreuten Leichen ihrer Kameraden über das dunkle Vulkangestein stapfen, erinnert eher an eine Interpretation von Dantes Höllenkreisen als an eine echte Landschaft.

In einer solchen Umgebung treibt der Wahnsinn des Krieges schreckliche Blüten. Zurückgeworfen auf den reinen Überlebenstrieb, degenerieren die Protagonisten zunehmend. Wochen nach den letzten Reiskörnern und Yamswurzeln haben sich die Soldaten in spindeldürre Zombies verwandelt. Sie versuchen es mit dem Essen von Gräsern und Blättern, greifen jedoch letztlich auf eine deutlich nahrhaftere Alternative zurück. In einer der denkwürdigsten Szenen trifft Tamura auf einen Soldaten, der einsam auf einem Hügel unter einem Baum sitzt. Sie unterhalten sich eine Weile, bevor der Mann Dutzende Fliegen aufscheucht, als er in seinen verwundeten Schoß greift, um ein Stück von sich selbst zu essen. Es wird nicht der letzte Akt von Kannibalismus sein …

Trotz des überwältigenden Nihilismus lässt es sich Ichikawa nicht nehmen, das Geschehen immer mal wieder mit bitterem sardonischen Humor zu versetzen. So zeigt der Regisseur, der zu Beginn seiner Karriere viele Komödien drehte, in einer denkwürdigen Szene, wie ein Soldat seine löchrigen Schuhe gegen das heile Paar eines Toten austauscht. Der ihm nachfolgende Kamerad findet die kaputten Stiefel des Vordermanns noch ganz passabel und wechselt nun ebenfalls. Dieser Ablauf wiederholt sich noch einige Male, bis Tamura an der Reihe ist. Die übrig gebliebenen „Schuhe“ bestehen nur noch aus Lederfetzen ohne Sohle – Tamura geht barfuß weiter.

Zu den beeindruckendsten Faktoren des Films zählen die überragenden Leistungen der Darsteller, die sich durch eine harte Diät auf ihre Rollen als verhungernde Soldaten vorbereiteten. Im Finale erinnern sie frappierend an den dürren Christian Bale in The Machinist. Dementsprechend strapaziös gestalteten sich die Dreharbeiten. Bereits nach der ersten Szene klappte Hauptdarsteller Eiji Funakoshi schlichtweg zusammen. Er hatte ohne Kenntnis des Produktionsteams zwei Wochen lang auf feste Nahrung verzichtet. Der Dreh musste für mehrere Wochen unterbrochen werden, bis Funakoshi wieder zu Kräften kam.

Wo Masaki Kobayashis Barfuß durch die Hölle-Trilogie einen melodramatischen Abgesang auf den Humanismus formuliert, Stanley Kubricks Full Metal Jacket den Krieg als staatlich erwünschte Vernichtungsmaschine anprangert und Francis Ford Coppolas Apocalypse Now ihn als ansteckende Krankheit darstellt, vertritt Feuer im Grasland keine Ideologie oder Agenda. Ichikawas Werk dokumentiert den Horror des Zweiten Weltkrieges fast schon unbeteiligt, denn er spricht ohnehin für sich selbst. Hier gibt es keine Lebenden mehr, sondern nur noch Tote und Untote.

Ichikawas sichere Inszenierung und der prägnante Score von Yasushi Akutagawa illustrieren eine unvergessliche Reise ins Herz der Finsternis. Feuer im Grasland ist ein Meilenstein des japanischen Kinos, ein Höhepunkt des Genres, ein zeitloses Fanal wider der Barbarei des Krieges.

Handlung:

Der japanische Soldat Tamura ist auf einer Insel in den Philippinen stationiert, die von den Amerikanern größtenteils erobert wurde. Die Japaner sind über die Insel verstreut, es mangelt an Nahrung, Ausrüstung und Kampfgeist. Tamura irrt einsam über das Eiland, ohne Ziel und Hoffnung. Einzig der Drang zu Überleben hält ihn aufrecht und eint ihn mit herumstreunenden Landsleuten, die er ab und an zufällig trifft. Doch wenn der Hungertod immer bedrohlicher wird, gibt es keine Kameradschaft mehr …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.