Komm und sieh zählt zu den besten Antikriegsfilmen der Kinogeschichte. Kein anderer Film des Genres fängt den Terror des Zweiten Weltkrieges so ungeschönt ein wie Elem Klimows russischer Klassiker.

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Filmkritik:

Das grundlegende Problem des Genres, dessen Filme oft genug an der Unvereinbarkeit von Unterhaltungskino und Kriegsgräuel scheitern, umgeht der russische Klassiker geschickt. Doch im Gegensatz zu Referenzfilmen wie Full Metal Jacket, Apocalypse Now oder Feuer im Grasland, die auf Abstraktion oder Überhöhung setzen, überzeugt der Film von Elem Klimow mit einem realistischen Ansatz und einigen Änderungen bei den erzählerischen Konventionen.

Statt eines strammen russischen Partisanen steht der vielleicht zwölfjährige Junge Florja im Zentrum von Komm und sieh. Wie schon in Andrei Tarkowskis ähnlich gelagertem Debütfilm Iwans Kindheit ändert dieser Kunstgriff das Erleben des Krieges grundlegend: Wo wir von den erwachsenen Heldenfiguren des Genres große Taten erwarten, käme wohl niemand auf die Idee, der schmächtige Florja könnte etwas zum Partisanenkrieg gegen die übermächtige deutsche Wehrmacht beitragen. So nimmt Florja automatisch eine Opferrolle ein, die zwangsläufig jegliches Pathos im Keim erstickt.

Doch Klimows Drehbuch verzichtet auf einen Helden und damit auch auf dessen Mission, die den Krieg ordnen oder ihm einen Sinn verleihen könnte. Stattdessen stolpert der Junge orientierungslos durch die Albtraumlandschaft des Krieges. Klimow versetzt uns geschickt in die Perspektive von Florja, indem er episodenhaft erzählt und auf eine typische Dramaturgie verzichtet. Die Episoden mäandern ineinander und verschleiern jeglichen räumlichen oder zeitlichen Zugriff, das Weißrussland des Films mutiert zu einem Paralleluniversum aus feuchten Wäldern, Schlamm und Rauchwolken.

Indem Klimow Florjas Eindrücke subjektiviert und auf uns überträgt, erzeugt Komm und sieh eine bedrückende audiovisuelle Unmittelbarkeit. Die Tonebene nutzt statt einer musikalischen Untermalung einen obskuren Geräuschteppich und schreckt auch nicht davor zurück, unsere Wahrnehmung nach einem ohrenbetäubenden Bombardement durch ein minutenlanges Tinnituspfeifen zu beschneiden.

Auch visuell überzeugt Klimows Werk auf ganzer Linie und wartet mit brillanten Steadycamaufnahmen und überdurchschnittlich langen Einstellungen auf. So erzeugt der Film eine große Nähe zu den Figuren und verhindert durch das Fehlen von Totalen auch eine räumliche Orientierung. Das enge Bildformat von 1,37:1 tut sein Übriges: Es zwängt Florja und seine Kameraden ein, presst sie regelrecht in diese verheerte Welt und zeigt keinerlei Ausweg. An dieser Stelle möchte ich dringend von den deutschen DVDs der Firma Icestorm abraten. Die Firma besaß die Frechheit, das von Klimow intendierte Format massiv zu beschneiden – es fehlen am oberen und unteren Bildrand schlichtweg Teile des Bildes.

Durch seine immersiven Faktoren gelingt es Komm und sieh, Krieg als einen absoluten Zustand darzustellen. Keine Tat hat einen Wert und kein Mensch eine Bedeutung; es gibt nichts zu gewinnen. In diesem Geist schildert Klimows Werk auch die kriegerischen Akte – er verzichtet auf Gefechte zwischen Truppenverbänden, die zwangsläufig eine Seite mit einem Erfolg belohnen würden, sondern zeigt zunächst nur ihre Auswirkungen: Anonyme Bomben fallen vom Himmel, ein nackter Leichenberg belegt ein Ergebnis retrospektiv, eine Mine fungiert bis zur Detonation als zeitversetztes, unpersönliches Artefakt. Erst im letzten Drittel schockt der Film im Präsens und dokumentiert in quälender Ausführlichkeit den Genozid der Wehrmacht an einem weißrussischen Dorf. Wie zuvor findet keine Auseinandersetzung statt, niemand kann sich wehren.

Das ist Krieg: In einem Zustand, in dem Mensch sein nicht mehr möglich ist, bleibt nur das Unmenschliche.

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Obwohl das Genre auf ein spezifisches Thema festgelegt ist, bieten sich dem Betrachter eine Vielzahl Subtexte und Motive. Während Kriegsfilme sich vornehmlich auf Abenteuer, Kameradschaft und Heldenmut konzentrieren, eröffnen sich im Antikriegsfilm eine Vielzahl von Themen: Moral und Menschenrechte, der Horror und die Absurdität des täglichen Grauens oder die perverse Systematik dahinter.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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