Jean Renoirs Antikriegsfilm Die große Illusion zählt zu den Meilensteinen des humanistischen Kinos und inspirierte durch seine wahrhaftige, unaufgeregte Art nachfolgende Generationen von Filmemachern.

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Filmkritik:

Renoir legte sein Werk bewusst allgemeingültig an, verzichtet komplett auf die Schilderung von Kriegsszenen und zielt zu keinem Zeitpunkt darauf ab, Spannung zu erzeugen. Stattdessen spielt Die große Illusion über weite Strecken in deutschen Lagern für Kriegsgefangene und schildert das Zusammenleben einiger dort inhaftierter französischer Offiziere.

Als Herzstück des Films erweist sich das zweite Drittel. Nach der Exposition werden die Offiziere auf die Gefängnisburg des aristokratischen Majors von Rauffenstein verlegt. Dort offenbaren sich die gesellschaftlichen Unterschiede aller Beteiligten: Der Adelige De Boeldieu, der aus der Arbeiterklasse stammende Maréchal und der jüdische Bankierssohn Rosenthal haben wenig mehr gemein als ihre Uniform.

Im Folgenden beobachtet Die große Illusion die Verständigungsprobleme zwischen Maréchal und De Boeldieu, schildert jedoch auch die Verbundenheit zwischen Letzterem und seinem „Kerkermeister“ von Raufenstein. Obwohl sie auf unterschiedlichen Seiten stehen, teilen die beiden Aristokraten dieselben Werte und dasselbe Schicksal – nach dem Krieg wird das Volk die Macht der Monarchen brechen; De Boeldieu und von Raufenstein droht ein Schicksal als Relikt feudaler Epochen.

Hinter diesen vordergründig unspektakulären Beobachtungen stecken diffizile Details, die Renoir lieber nebenbei einstreut, anstatt sie explizit herauszustellen. Der Autorenfilmer verzichtet auf Effekthascherei und vertraut auf die universellen Werte, die er propagiert. Er prangert die bittere Absurdität des Krieges ebenso an wie Standesdenken, Nationalismus oder Rassismus und tritt energisch für Völkerverständigung und Frieden ein.

Obwohl Die große Illusion am Vorabend des Zweiten Weltkrieges gedreht wurde und die Fratze des Nationalsozialismus schon in Richtung Frankreich blickte, tat sich Renoir selbst als leuchtendes Beispiel seiner humanistischen Geisteshaltung hervor: Im Film tritt kein einziger Schurke auf, die Menschen sämtlicher Nationen – ob Franzosen, Deutsche oder Russen – begegnen einander mit Respekt und Vertrauen. Trotz des absehbaren Zweiten Weltkrieges verleiht Renoir gleich mehreren Deutschen positive Eigenschaften – eine Geste, die selbst moderne Filme (wie beispielsweise Der Soldat James Ryan) noch nicht zustande bringen.

Renoirs „Deutschfreundlichkeit“ kam in Frankreich gar nicht gut an, sein Film wurde stark zensiert. Im faschistischen Italien gewann Die große Illusion einen Preis bei den Filmfestspielen von Venedig und brachte damit Joseph Goebbels gegen sich auf, der den Film wegen seiner pazifistischen Botschaft verabscheute und Renoir als seinen „filmischen Hauptfeind“ bezeichnete. Zurecht: In Renoirs Werk haben die Menschen nicht vor einander Angst, sondern sind allesamt vereint in ihrer Furcht vor den Umständen des Krieges – der Krieg selbst ist hier der Antagonist und greift unabhängig von Nationalitäten nach allen Figuren.

Während der Mittelteil von Die große Illusion die ambivalenten Thematik verdichtet und auch den dramaturgischen Höhepunkt des Films beinhaltet, fällt das letzte Drittel etwas ab. Die Flucht zweier Protagonisten wirkt wie ein Anhängsel, um die Handlung einem konkreten Ende entgegen zu führen, statt in melancholischer Hoffnungslosigkeit zu enden. Zwar addiert dieser Plotstrang eine weitere positiv gezeichnete Beziehung zwischen den Nationen, als ein französischer Soldat sich in eine hilfsbereite deutsche Bäuerin verliebt, doch hätte es dieser repetitiven Beweisführung nach dem starken Mittelteil nicht mehr bedurft.

Die Besetzung überzeugt hingegen ohne Ausnahme: Der für seine eigenen Regiearbeiten bekannte deutsche Filmemacher Erich von Stroheim als tragischer, kriegsversehrter alter Klotz Major von Rauffenstein, Pierre Fresnay als ehrenvoller Captain De Boeldieu und der wie so oft großartige Jean Gabin als einfach gestrickter Lieutenant Maréchal bieten allesamt eine breite Identifikationsfläche.

Dramaturgisch und inszenatorisch mag Die große Illusion inzwischen altmodisch wirken, tut dies aber im besten Sinne: Alles an diesem Film ist auf das Wesentliche ausgerichtet. Renoir etabliert ein idealistisches Wertesystem, das sich als zeitlos erweist und formuliert eine – vor allem im zeitlichen Kontext – beeindruckende Botschaft.

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DER REGISSEUR

In den Dreißigern entwickelte sich Jean Renoir zum einflussreichsten Regisseur seiner Zeit. Mit seinen schonungslosen Sozialdramen belebte er den Poetischen Realismus und inspirierte sowohl den Film Noir als auch den Italienischen Neorealismus. Der düstere Tonfall seiner Meisterwerke verdeckt allerdings nie den zutiefst humanistischen Kern – Renoir trat stets für Moral und Mitgefühl ein.

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DIE STRÖMUNG

Beim Poetischen Realismus gehen Magie und Melancholie Hand in Hand. Geprägt durch die französische Wirtschaftskrise der Dreißiger Jahre, porträtiert die Strömung Menschen aus einfachen Verhältnissen und richtet sein Augenmerk auf ihre Milieus. Oft kämpfen die Protagonisten des Poetischen Realismus um ihr persönliches Glück und scheitern dabei an den Umständen oder dem Schicksal.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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