Barfuß durch die Hölle III schließt die epische Trilogie von Masaki Kobayashi beeindruckend ab. Nachdem die ersten beiden Teile fernab des Krieges spielten, führt uns der dritte Film mitten in den Irrsinn der Schlachtfelder. Dabei bleibt Kobayashi seiner thematischen Ausrichtung treu, vertieft die Entwicklung seines Protagonisten und beendet dessen Geschichte auf bemerkenswerte Weise.

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Filmkritik:

Der zweite Teil endete mit der sowjetischen Invasion in der Mandschurei, die den Protagonisten Kaji erstmals in direkten Feindkontakt brachte. Nachdem die Russen das Gebiet überrannt haben, begibt sich Kaji auf den Weg nach Hause und kämpft sich durch das Hinterland. Rachsüchtige Milizen und die akute Nahrungsmittelknappheit lassen das Unterfangen aussichtslos erscheinen.

Die Situation in Barfuß durch die Hölle III gleicht jener in Kon Ichikawas Meisterwerk Feuer im Grasland: Der Feind ist über die Japaner hinweggerauscht und hat die Mandschurei als gigantisches Niemandsland hinterlassen. Die Welt des Films fühlt sich regelrecht apokalyptisch an, da keinerlei Ordnung mehr besteht und die versprengten Überlebenden verzweifelt nach Schutz und Nahrung suchen. Jeder andere Mensch erscheint als potenzieller Feind und Zivilisten sind der Willkür der Soldaten ausgeliefert.

Der Stimmung trägt Masaki Kobayashi auch visuell Rechnung. Als Road-Movie unterscheidet sich Barfuß durch die Hölle III erheblich von seinen Vorgängern, die vornehmlich an festen Orten und in Innenräumen spielten. Endlich kann der Regisseur die ganze Kraft des Breitbildformates (wie das amerikanische Cinemascope im Verhältnis von 2,34:1) ausnutzen und die mandschurische Weite in beeindruckenden Panoramen einfangen; in ihnen wirken die Menschen irrelevant. Wie schon in den Vorgängern illustriert die fantastische Beleuchtung die düstere Zeit durch harte Kontraste.

Wie schon in den ersten beiden Filmen gerät Kaji auch diesmal wieder in moralische Zwickmühlen, oft muss er zwischen dem eigenen und dem kollektiven Schicksal seiner jeweiligen Reisegruppe wählen. Der Tod von Gefährten und das Töten von Feinden nisten sich im Alltag ein, doch Kaji hat den nächsten Entwicklungsschritt vollzogen. Er erträgt die Umstände und erweist sich als praktisch denkender Anführer; mit dem naiven Weltverbesserer des ersten Teils hat dieser gereifte Mann nichts mehr zu tun. Weil er weiß, wofür er steht, scheut er keine offenen Konfrontationen mehr. Den Respekt vor der Autorität der Armee hat er ebenso abgelegt wie den japanischen Nationalstolz.

Den zivilisatorischen Rückfall in eine archaische Ära kann jedoch auch Kaji nicht verhindern, unzählige Figuren reagieren auf Probleme mit Schwarz-Weiß-Denken und rücksichtsloser Gewalt. Es erscheint kaum vorstellbar, dass diese wie ihm Wahn handelnden Männer einst gewöhnliche Bürger einer „normalen“ Gesellschaft waren. Hier zeigt Barfuß durch die Hölle III, was der Krieg und die jahrelange Indoktrination des japanischen Militärs aus den Menschen gemacht haben.

Die durch den Überlebenskampf aktivierten Urinstinkte äußern sich nicht nur durch niedrigschwellige Gewaltbereitschaft, sondern auch über sexuelles Verlangen. Memorabel ist eine Szene, in der Kajis Trupp auf ein Dorf voller Frauen trifft. Die akute Nahrungsmittelknappheit hält sie nicht davon ab, ihr Schicksal eine Nacht lang auszublenden: In einer Scheune schlafen die Männer und Frauen dicht an dicht miteinander; ein verzweifelter Akt der Selbstbezeugung.

Die Betonung des Körperlichen ist auch im Hinblick auf die Gesamtentwicklung der Reihe interessant, die die Essenz des Menschseins Schicht um Schicht abträgt: Der erste Teil betrachtet politisch-gesellschaftliche Aspekte, der zweite begibt sich eine Stufe tiefer auf die individuell-persönliche Ebene, Teil 3 fokussiert sich nun auf die Biologie: Töten, Essen und Sex dominieren den Film. Ist das noch menschlich oder schon tierisch?

Die finalen Minuten von Barfuß durch die Hölle III lassen uns Kajis (und unsere) Reise noch einmal Revue passieren. Eine 10-stündige Spielzeit und mehrere Jahre in Filmzeit sind vergangen, seit wir an einem verschneiten Abend einen klugen jungen Mann kennenlernten. Wenn Kaji nun wieder – als einer von Millionen – im Schnee verschwindet, kann es keine größere Mahnung geben. Die Bedingungen des Menschseins sind fragil.

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DER REGISSEUR

Masaki Kobayashi zählt zu den prägendsten Regisseuren seiner Ära. In seinen gesellschaftskritischen Arbeiten brach der Filmemacher mit dem japanischen Selbstverständnis und sinnierte über unbequeme Themen. Doch das hielt ihn nicht davon ab, sein Talent als Geschichtenerzähler auszuspielen und ein ums andere Mal seine handwerkliche Meisterschaft zu beweisen.

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