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Beruf: Reporter

Der Film

Filmszene aus Beruf: Reporter

In Beruf: Reporter dekonstruiert Michelangelo Antonioni das Handlungsgerüst eines Thrillers, um seinen Protagonisten auf die Suche nach dem Sinn des Lebens zu schicken. Der italienische Regisseur formt eine ambivalente Filmerfahrung mit viel Raum für Interpretation, wozu auch die außergewöhnliche formale Gestaltung beiträgt: Antonioni spiegelt den Zustand seines Protagonisten, indem er ihn in architektonisch bemerkenswerten Umgebungen platziert. Die distanzierte Kamera und die musikfreie Geräuschkulisse offenbaren die Ziellosigkeit der Hauptfigur, die von Jack Nicholson nuanciert gespielt wird.

Die Szene

Die vorletzte Szene des Films ist ein Meisterwerk für sich – Antonioni beendet Beruf: Reporter mit einem siebenminütigen Longtake, der die Ambivalenz des Films auf den Punkt bringt.

Da wäre zunächst einmal der Ort selbst: Zu Beginn des Films hatte der von Jack Nicholson gespielte Protagonist in einem kargen, heißen Hotelzimmer beschlossen, seinem Leben zu entfliehen. Diese Flucht vor sich selbst endet nun wieder in einem kargen, heißen Hotelzimmer – welch bittere Ironie, die das Scheitern konstatiert.

Die schweren Metallgitter vor dem Fenster versinnbildlichen, dass Nicholsons David Locke ein Gefangener ist. Er wird das Zimmer nicht mehr verlassen. Ob er von seinen Verfolgern ermordet wird oder sich in seiner Verzweiflung selbst das Leben nimmt, erfahren wir nicht – der Kamerablick wird während der nächsten sechs Minuten auf den Hof hinter dem Fenster gerichtet sein.

Es ist konsequent, uns das Finale vorzuenthalten, denn seinen Punkt hat Antonioni längst gemacht: Lockes Schicksal war von Anfang an besiegelt und die Welt als Zeichensystem bleibt undurchdringbar. Es gibt nichts, was noch zu zeigen wäre.

Dennoch ist die Szene ein Höhepunkt des Films: Der minutenlange Zoom führt uns nicht nur zu einer meditativen Einstellung, in der wir den Film Revue passieren lassen können, die Szene endet mit einer gehörigen Überraschung:

Beim erstmaligen Sehen hatte die Szene eine überwältigende Wirkung auf mich. Die Verblüffung über den vermeintlichen Zoom, der sich als fast unsichtbare Kamerafahrt entpuppt, wich schnell einer viel drängenderen Frage: Wie konnte die große Kamera durch den Spalt zwischen den Gitterstäben gleiten?

Die Szene ist ein technisches Wunderwerk: Die Kamera lief im Hotelzimmer auf Schienen, musste durch das (klappbare) Gitter gehoben und draußen an einem Kran befestigt werden. Ein gyroskopisches System balancierte die Bewegungen aus.

Da es es sich um einen ungeschnittenen Take handelt, stellten die unterschiedlichen Licht- bzw. Kontrastverhältnisse zwischen dem Hotelzimmer und dem Hof ein Problem dar, schließlich konnte das Kamera-Setup nicht mittendrin verändert werden. Die Szene wurde am frühen Abend gefilmt, damit sich die Lichtverhältnisse von Innen- und Außenbereich möglichst stark ähneln.

Damit zeigt das Finale von Beruf: Reporter anschaulich auf, was den Unterschied zwischen einer simplen und einer eleganten Szene ausmacht – erstere ist einfach gefilmt, zweitere lässt es nur einfach aussehen. Ein würdiges Finale eines großen Films.

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