Der Protagonist des neuseeländischen Science-Fiction-Films The Quiet Earth stellt eines Morgens unverhofft fest, dass die gesamte Menschheit über Nacht verschwunden ist. Anhand dieser Idee entspinnt das Werk von Regisseur Geoff Murphy eine auf den kleinsten Nenner heruntergebrochene Parabel über den Sinn des Lebens und die Zwänge der modernen Gesellschaftsordnung.

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Filmkritik:

In prallem Orange steht die aufgehende Sonne am geröteten Himmel, wirkt wie von einer anderen Welt. Und als Zac Hobson, die Hauptfigur von The Quiet Earth, morgens aufwacht, bemerkt auch er schnell, dass wirklich etwas anders ist. Später wird er darüber sinnieren, dass die Welt „zur Seite driften“ würde: „Der Nordpol ist immer noch im Norden, aber das Wasser läuft jetzt anders herum ins Abflussloch.“

Die Menschheit hat sich in Luft aufgelöst und nur ihre Gebäude und Produkte zurückgelassen. Als letzter Bewohner des Planeten Erde scheint allein Hobson übrig geblieben zu sein. Fortan betrachten wir den Werdegang des Protagonisten, der sich nach den ersten Erkundigungen dem grundsätzlichen Problem stellen muss, was er mit seinem einsamen Dasein anfangen soll.

Auch die menschlichen Verhaltensweisen beobachtet der Film: Wo dem einzelnen Individuum von der Gesellschaft Moral und Konventionen, Benimmregeln und Dogmen auferlegt werden, herrscht in The Quiet Earth plötzlich ein Vakuum – grenzenlose Freiheit ersetzt alle Beschränkungen. Dies bemerkt auch Hobson schnell – bereits in den ersten Minuten stiehlt er Essen und Benzin. Doch bald schon erweitert er seinen Besitz, tauscht sein Durchschnittsauto gegen einen Sportwagen, trinkt Champagner statt Wasser und zieht schließlich aus seinem schlichten Motelzimmer in die Luxussuite des verwaisten örtlichen Nobelhotels. Zuletzt illustriert The Quiet Earth den Gesinnungswandel seines Protagonisten wunderbar, indem Hobson zunächst am Steuer einer Spielzeugeisenbahn gezeigt wird, sich aber einen Schnitt später als Führer eines echten Zuges betätigt – geschickt beweist der Film hier die Grenzenlosigkeit von Hobsons Situation.

Schnell wird allerdings auch klar, dass materielle Güter, geistige und physische Freiheit nur einen Teil unseres Lebens ausmachen. Selbst ein Sportwagen, seines materiellen Wertes beraubt, ist nur ein Auto, eine Maschine mit Funktion. Erst die Gesellschaft gibt den Dingen einen Wert. Hobson kann nun in der verlassenen Stadt die Jesusfigur vom Kreuz in der Kirche reißen, aber da dies niemanden stört, mutet der Akt der Rebellion leer und unbefriedigend an. So beginnt Hobson sichtlich an der fehlenden Kommunikation mit anderen zu leiden, zunehmend wirrer werdend, wandert er durch die Stadt, hält Lautsprecheransprachen an Pappfiguren und betrinkt sich. Die große utopische Freiheit erweist sich als wertlos, weil Hobson kein Wertesystem mehr hat, das ihm Halt gibt und seinem Leben einen Sinn verleiht. Brauchen wir vielleicht unsere Jobs und Hypotheken für ein erfülltes Leben?

Trotz des realistischen Looks, der Tatsache, dass Hauptdarsteller Bruno Lawrence den Alleinunterhalter spielt und der Konsequenz des Drehbuchs, auf künstliche Konflikte zu verzichten, funktioniert die erste Hälfte auch dramaturgisch ganz passabel. In der zweiten Hälfte passiert dann das Unvermeidliche: Hobson trifft zwei andere Überlebende.

Während die drei einsamen Menschen sich noch über das unerwartete Zusammenfinden freuen, denken wir schon einen Schritt weiter, denn drei Menschen bilden – na klar – eine Miniaturgesellschaft. Und schon stellen sich wieder bekannte Muster ein, denn ironischerweise haben sich zu Hobson ausgerechnet ein Afroamerikaner und eine Frau gesellt, sodass direkt wieder alte Ressentiments zwischen den Geschlechtern und Hautfarben aufgegriffen werden, sich daraus Macho- und Machtspielchen entwickeln, Diskussionen und Unzufriedenheit. Die resultierenden verbalen und körperlichen Attacken wirken bisweilen etwas abrupt und nicht immer nachvollziehbar, doch die Macken unserer Gesellschaft treten dennoch wirkungsvoll zutage. The Quiet Earth offenbart, dass weder absolute Einsamkeit noch die sozialen Kontakte innerhalb einer Gesellschaft einen friedvollen Zustand des Einzelnen zulassen.

An dieser Stelle beginnt die Spannungskurve des Films zu sinken, die kleinen Nickligkeiten zwischen den Protagonisten behindern deren Fortkommen und stören den Erzählfluss. Zudem verliert The Quiet Earth seine mysteriöse Stimmung, weil die Protagonisten herausfinden, warum ausgerechnet sie „den Effekt“ überlebt haben und auch, wie die anderen Lebewesen von der Erde getilgt wurden.

Glücklicherweise bekommt die Handlung im letzten Viertel erstmals ein konkretes Ziel, was dramaturgisch vorteilhaft ist und erstmals konkrete Spannung erzeugt. Das Finale von The Quiet Earth fällt nicht nur clever und überraschend aus, sondern bietet auch reichlich Stoff zum Nachdenken, sofern man uneindeutigen Lösungen etwas abgewinnen kann.

Mit seinem neuseeländischen Independentfilm ist Geoff Murphy letztlich ein sehenswerter und unkonventioneller Beitrag zum Science-Fiction-Genre gelungen, der zwar eine ausgeprägtere Figurenzeichnung vertragen hätte, jedoch mit schönen Bildern der leeren Städte, klugen Fragen und einem memorablen Ende gefällt.

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Der Science-Fiction-Film besitzt eine Vielzahl von Ausprägungen: Erdbesuche von Alien und die Erkundung fremder Planeten zählen ebenso zum Repertoire wie dystopische Dramen und Zeitreisefilme. Dabei ergeben sich oft Schnittstellen zu anderen Genres – vom Horrorfilm bis zur Komödie ist im Sci-Fi-Setting alles möglich.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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