Die skandinavische Groteske Anderland hält uns modernen Konsummenschen den Spiegel vor und zeichnet eine perfekte Welt, die gerade wegen ihrer Makellosigkeit nicht glücklich macht.

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Filmkritik:

In Anderland gehen die Menschen freundlich miteinander um. Sie kommen mit dem Bus an und erhalten eine gemütliche Wohnung zugeteilt. Am nächsten Morgen holt ein netter Chauffeur sie ab und fährt sie zu ihrer neuen Arbeitsstelle, die ein gutes Gehalt, wenig Stress und keinerlei Verantwortung bietet. Alles hat seine Ordnung in Anderland.

Bis der Bus Andreas ausspuckt. Andreas ist der brysomme mannen, wie der Originaltitel dieser brillanten, norwegisch-isländischen Komödie heißt – der störende Mann.

Schon länger, seit Adams Äpfel oder In China essen sie Hunde, hat der schwarze Humor des skandinavischen Kinos Einzug in ganz Europa gehalten – Anderland bedient Fans der vorgenannten Werke ebenfalls, geht dabei jedoch deutlich subtiler vor und weniger vordergründig.

Regisseur Jens Lien bedient sich eines genialen Tricks: So harmonisch, wie diese utopische Welt zunächst auf den Protagonisten Andreas wirkt, inszeniert Lien sie auch für uns. Die ruhige Kamera nimmt höflich distanzierte Perspektiven ein, die grau-blauen Bilder strahlen Ruhe aus, die Gediegenheit dieses Lebens greift auf das Publikum über.

Doch kann das schon alles gewesen sein? Passiert hier denn gar nichts? Andreas geht es wie dem Zuschauer, geschickt bindet Lien uns an den Protagonisten, der dasselbe sucht wie wir. Es muss doch noch mehr geben!

Als Andreas feststellt, dass Bier nicht betrunken macht und Sex lediglich laue Mechanik bleibt, wagt er den Aufstand und beginnt, die heile Welt zu stören. Doch selbst als rotes Blut zwischen dem vielen Blau doch arg unpassend heraussticht, bleiben die Konsequenzen aus. Andreas‘ Konfrontationskurs treibt immer seltsamere Blüten.

Dass Anderland seine kafkaeske Atmosphäre etablieren kann und trotz kleinerer dramaturgischer Verschnaufpausen immer den richtigen Ton trifft, verdankt er auch den hervorragenden Schauspielern um Hauptdarsteller Trond Frausa Aurvaag, der mit seinem lakonischem Auftreten eine perfekte Identifikationsfigur abgibt.

Durch den Kontrast zwischen Andreas‘ Störungen und den heiteren Reaktionen seiner Umwelt erzeugt Anderland wunderbar surreale Momente und kommentiert das Geschehen mit trockenem Humor. Nebenbei schildert Liens Werk gekonnt die Tücken einer perfekten Welt, nach der unsere moderne Gesellschaft tagtäglich strebt und entlarvt diese Vision genüsslich.

So entwickelt sich Anderland letztlich zu einem soziologischen Horrorfilm, in dem die Menschen in einer klinischen Muzak-Version des Lebens feststecken. Sie sind zu normierten Lifestylezombies degeneriert, die sich über ihre Wohnungseinrichtung definieren und jeden seltsam beäugen, der nach anderen Werten sucht. Damit erinnert uns Anderland geschickt daran, keinen leeren Idealen zu folgen, sondern da draußen nach Dingen zu suchen, die entdeckt werden wollen.

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DAS GENRE

Die Komödie zählt zu den Grundfesten des Kinos und funktioniert – wie auch der Horrorfilm – affektgebunden. Deshalb bringt uns der Slapstick aus den Stummfilmen von Charlie Chaplin genauso zum Lachen wie die rasenden Wortgefechte der Screwball-Komödien aus den Dreißiger Jahren, die spleenigen Charaktere von Woody Allen oder die wendungsreichen Geschichten von Billy Wilder.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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