Kaum eine Begrifflichkeit steht stellvertretender für das Grauen des Naziregimes als Auschwitz, wo während des Zweiten Weltkrieges 1,5 Millionen Juden vergast wurden. Theodor Kotullas Aus einem deutschen Leben schildert den Werdegang eines Mannes, der Auschwitz möglich gemacht hat.

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Filmkritik:

Rudolf Höß trat der NSDAP aufgrund seiner patriotischen Überzeugungen bereits 1922, mehr als zehn Jahre vor der Machtergreifung Hitlers bei und stieg schnell auf. Von Heinrich Himmler persönlich erhält er 1941 den Auftrag, das KZ Auschwitz als Arbeits- und Umerziehungslager aufzubauen. Erst ein Jahr später erhält das Konzentrationslager seine eigentliche Bestimmung: Die Endlösung der Judenfrage, die Höß mit selbst für deutsche Maßstäbe großer Gewissenhaftigkeit und Effizienz durchführt. Was für ein Monster war dieser Rudolf Höß?

Aus einem deutschen Leben basiert auf dem fiktionierten Roman Der Tod ist mein Beruf des Franzosen Robert Merle, der auf eine gute Beleglage zurückgreifen konnte, da Höß lebendig verhaftet wurde und bereitwillig Auskunft gab. Er sah sich selbst als Befehlsempfänger und stellt damit das Musterbeispiel eines hochrangigen Schreibtischtäters des Naziregimes dar.

Kotullas westdeutscher Spielfilm aus dem Jahr 1977 spürt dem Werdegang seines in Franz Lang umbenannten Protagonisten nach. Dabei verzichtet Aus einem deutschen Leben auf eine ausgeprägte Inszenierung, die immer auch eine Wertung wäre. Stattdessen arbeitet er dokumentarisch-kühl: Ohne musikalische Untermalung und dramaturgische Sperenzien schildert der Film in vierzehn Kapiteln die wichtigsten Lebensereignisse von Franz Lang. Mit seinem wertungsfreien Ansatz gibt Kotulla dem Publikum die Gelegenheit zur besonnenen Reflexion: An welchem Punkt seiner „Karriere“ hätte Lang aus diesem System aussteigen können?

Die Erkenntnis ist eine schreckliche: Langs Werdegang wirkt geradezu unspektakulär und geradlinig, der von ihm organisierte Völkermord unabwendbar. Aus einem deutschen Leben gelingt es, das Wesen eines autoritären Systems zu verdeutlichen und die Auswegslosigkeit für den Einzelnen zu dokumentieren. Insbesondere die Zusammenkünfte zwischen Franz Lang und Heinrich Himmler zählen diesbezüglich zu den Höhepunkten des Films. Hans Korte spielt Himmler mit eisiger Autorität und deutschem Schneid, lässt absolut keinen Widerspruch zu. Auch Hauptdarsteller Götz George überzeugt, obgleich er als Projektionsfläche des Zuschauers eher passiv agieren muss.

So gut es Aus einem deutschen Leben gelingt, die individuelle Ohnmacht inmitten der Nazidiktatur zu veranschaulichen, leidet Kotullas Werk dennoch unter einem Schönheitsfehler, indem er das Grauen von Auschwitz nicht zeigt. Im Gegensatz zu uns Zuschauern sieht Franz Lang die nackten vergasten Leichen, die Erschossenen, die Verhungerten. Dass dies im Film ausgespart wird, mag der Differenzierung zuträglich sein, relativiert jedoch auch, was gefährlich ist: Obwohl er ein Gefangener des Systems war, zählte Franz Lang eindeutig nicht zu den Opfern.

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DIE ÄRA

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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