Die Büchse der Pandora zählt zu den letzten deutschen Stummfilmen und ist die bekannteste Arbeit des österreichischen Regisseurs G. W. Pabst. Bei seinem Erscheinen nur verhalten aufgenommen, erfuhr die Adaption von Frank Wedekinds Theaterstoff erst in den Fünfziger Jahren eine Neuentdeckung, die besonders auf die bezaubernde Louise Brooks und ihr modernes Schauspiel zurückzuführen ist.

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Filmkritik:

Die Büchse der Pandora erzählt vom Abstieg einer jungen Frau, die zu Beginn in einer teuren Berliner Penthousewohnung lebt und in der Gosse Londons endet. Lulu ist schön und unbekümmert, ihr Auftreten verzaubert die Menschen um sie herum – und führt diese dann unweigerlich ins Verderben. Lulus Beliebtheit erweist sich als Fluch, dem sie nicht entkommen kann.

Der österreichische Regisseur G. W. Pabst fügte der deutschen Kinogeschichte eine ganze Reihe wesentlicher Stummfilme hinzu, ohne heute den Ruf eines Fritz Lang oder F. W. Murnau zu genießen. Das ist wenig verwunderlich, da der von Pabst angeführte Stil der Neuen Sachlichkeit weniger spektakulär ausfällt als der beliebte deutsche Expressionismus; außerdem erhielten seine Werke eine geringere Verbreitung, da sie erst in der Spätphase der Stummfilmära erschienen, als Deutschland seinen Status als Weltmarktführer verloren hatte.

Warum G. W. Pabst eine deutlich größere Popularität verdient hat, lässt sich an Die Büchse der Pandora feststellen: Das kontroverse Drama fordert heraus, überzeugt durch seine Handwerkskunst und ist alles andere als nüchtern gestaltet.

Wie Tagebuch einer Verlorenen, die zweite Kollaboration von Pabst und der Hauptdarstellerin Louise Brooks, erhielt der Film seine Anerkennung erst in den Fünfziger Jahren, als die Cinematheque francaise eine Retrospektive durchführte. Insbesondere die Darstellung der Lulu begeisterte die Besucher der Veranstaltung.

In zeitgenössischen Kritiken wurde Louise Brooks noch als Fehlbesetzung kritisiert, weil sie unschuldig agiert, anstatt im Stil einer Marlene Dietrich mit den Männern zu spielen. Tatsächlich entfernt sich die Schauspielerin ein Stück weit von der Figur aus Wedekinds Stücken, doch das erweist sich als Vorteil, weil Brooks ihre Protagonistin deutlich ambivalenter gestaltet.

Gerade weil wir es hier nicht mit einer Femme fatale zu tun haben, stellt der Film Lulus Niedergang infrage. Über weite Strecken kann sie das Fehlverhalten der Männer um sie herum nicht beeinflussen und gerät dennoch in eine Abwärtsspirale – sie wird zum Opfer der eigenen Schönheit. Inwieweit kann Lulu ihr Schicksal überhaupt selbst bestimmen?

Brooks‘ lebendiges Schauspiel ist derweil über alle Fragen erhaben. Ihre moderne Darstellung weist keinerlei Stummfilm-Manierismen auf, sondern atmet bereits den Geist des Tonfilms. Vollkommen natürlich und ungekünstelt strahlt sie jenen unbewussten Charme aus, der die Männer an ihrer Lulu fasziniert. Das ist auch ein Verdienst von Pabsts Führung – der Regisseur gab Brooks nur wenige Regieanweisungen und vertraute auf ihr unverfälschtes Gefühl.

Retrospektiv bekommt die Besetzung von Louise Brooks noch eine doppelbödige Note: Wie Lulu konnte auch die Darstellerin nicht lange von ihrer Ausstrahlung profitieren. Im Gegensatz zu Marlene Dietrich oder (der von Pabst entdeckten) Greta Garbo bekam sie keinen Fuß in die Tür der Tonfilmwelt und verschwand 1929 von der Leinwand.

Lulus Schicksal verläuft weniger abrupt, da sich Pabst viel Zeit für die Erzählung nimmt und Die Büchse der Pandora auf stattliche 133 Minuten Spielzeit kommt. Insbesondere die erste Hälfte der Geschichte erzählt der Film bisweilen behäbig, was untypisch für einen späten Stummfilm ist.

Allerdings leben auch die Höhepunkte des Films von dieser Ausführlichkeit. Dafür liefert Lulus Hochzeitsparty ein ausgezeichnetes Beispiel: Hier beschränkt sich Pabst nicht nur aufs bloße Erzählen des Plots; er nimmt sich Zeit für einen Verweis auf Klassenverhältnisse und eine humorvolle Nebenhandlung, entdeckt in der kontroversesten Szene des Films lesbische Sehnsüchte und schließt den Akt mit einer tödlichen Eskalation ab. Derart facettenreiche Sequenzen gibt es in frühen Stummfilmen selten.

Zur Hochform läuft Die Büchse der Pandora im letzten Drittel auf: Existenzielle Not und zwischenmenschliche Spannungen verdrängen jede Heiterkeit, Pabsts Bildsprache gerät immer düsterer und findet im nächtlichen Londoner Nebel des Jahres 1888 seinen Höhepunkt.

Hier trifft Lulu auf den ersten Verehrer, der ihrer Schönheit widerstehen kann. Es erscheint folgerichtig, dass dazu ein pathologischer Geist nötig ist, der einen noch mächtigeren Götzen anbetet.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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