Die Verachtung ist ein Film der Dissonanzen und Zwischentöne. Doch obwohl dem Klassiker von Jean-Luc Godard nachgesagt wird, er sei verschlossen und beliebig zugleich, wohnt ihm eine seltsame Spannung inne, die ihn bei jedem Schauen noch so unergründlich wie beim ersten Mal wirken lässt und sein Publikum seit Jahrzehnten fasziniert.

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Filmkritik:

Selbst im vielseitigen Schaffen von Godard nimmt Die Verachtung eine Ausnahmestellung ein. Erstmals verlagerte der Franzose einen Dreh ins Ausland nach Italien (und in die Hände des Produzenten Carlo Ponti, von dem später noch die Rede sein soll); außerdem arbeitete Godard zum ersten Mal mit internationalen Stars wie Brigitte Bardot, Michel Piccoli und Jack Palance.

Um die Figuren dieser drei Schauspieler dreht sich der ganze Film. Vordergründig schildert Godard das Ende einer Liebe – als Drehbuchautor Paul (Piccoli) den Annäherungsversuchen des selbstherrlichen amerikanischen Produzenten Prokosch (Palance) an seine Frau Camille (Bardot) nicht entgegentritt, wendet sich diese von ihm ab, sodass die Beziehung zerbrechen muss. Alle – wir Zuschauer eingeschlossen – sehen es kommen, doch die Tragik des Films ist, dass es niemand mehr verhindern kann.

Mit dieser grundsätzlichen Handlung untrennbar verwoben ist eine zweite, assoziative Bedeutungsebene, die Godards Meinung zum uralten Diskurs über Kunst und Kommerz widerspiegelt: Piccolis Figur verkauft seine Kunst, gewissermaßen in Form seiner Muse, an den Kommerz. Statt Theaterstücke zu schreiben, überarbeitet er ein Drehbuch (was bezeichnend ist – er schreibt nicht einmal ein neues). Seine Muse verlässt ihn und er muss seine Arbeit zwangsläufig aufgeben.

Wie so oft arbeitet Jean-Luc Godard zudem noch mit einer Meta-Ebene, die das Filmemachen reflektiert und dem Zuschauer ständig bewusst macht, dass er gerade einen Film schaut. Diese Bedeutungsebene offenbart in Die Verachtung jedoch einen Reifeprozess: Nie war Godard erwachsener.

Statt die Meta-Ebene (wie in Eine Frau ist eine Frau) für formale Spielereien zu nutzen, nutzt er sie in Die Verachtung, um eine zusätzliche Möglichkeit zu haben, das Geschehen visuell zu kommentieren oder eine Auseinandersetzung zwischen dem „über sich selbst sprechenden“ Film und dem Zuschauer zu provozieren.

Godards inszenatorische Fähigkeiten stehen derweil ohnehin außer Frage – auch dank der hervorragenden Kamera von Raoul Coutard erweist sich Die Verachtung formal als atemberaubend. Die Außenaufnahmen in und um die ikonografische Casa Malaparte lassen den Sommer regelrecht von der Leinwand strahlen.

Zuvor fährt der Film noch die so berühmte wie extreme, mehr als 30 Minuten laufende Dialogsequenz zwischen Piccoli und Bardot auf. Nur minimal durch Schnitte gestutzt, vollführen Coutards Kamera und die beiden Hauptdarsteller ein sorgsam ausgearbeitetes, enorm elegisch gefilmtes Ballett.

Während einer nicht endenwollenden und dabei wenig ergiebigen Diskussion, die das traurige Schicksal der ehemals glücklichen Beziehung dokumentiert, befinden sich die beiden Figuren in fortwährender Bewegung, verlassen Bildausschnitte, betreten sie wieder, werden von der Kamera eingefangen, getrennt, verbunden. Diese Sequenz zählt zu den besten Dialogszenen der Kinogeschichte und beweist Godards inszenatorische Meisterschaft, die auch vor dem Publikum nicht haltmacht.

Dem Produzenten Carlo Ponti war dies alles derweil egal, er verkaufte Godards Werk an ein amerikanisches Studio und sorgte damit unfreiwillig dafür, dass die Realität die Fiktion einholt, als die Amerikaner genau wie Produzent Jeremy Prokosch im Film mehr nackte Haut forderten und Godard diverse Nacktszenen mit Brigitte Bardot nachdrehen musste.

Die Verachtung mag kein Film sein, der sein Publikum restlos befriedigt zurücklässt; die lose Narration und die Unfähigkeit der Figuren, miteinander zu kommunizieren, erweisen sich nicht unbedingt als förderlich, machen jedoch auch den Reiz des Films aus.

Der Zuschauer kann nie entschlüsseln, welche Worte und Taten der Protagonisten bewusst oder unbewusst motiviert sind. Alles erscheint traumartig und verworren, beide Hauptfiguren wie Opfer widriger Umstände. Die Spannungen zwischen allen Protagonisten, die vielen Ebenen und Dopplungen sowie das überragende handwerkliche Geschick sorgen für ein Highlight in Godards Oeuvre.

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DER REGISSEUR

Mit seinem Debütfilm Außer Atem schrieb Jean-Luc Godard Kinogeschichte und setzte die Nouvelle Vague in Gang. Der ehemalige Filmkritiker prägte das Medium Film nachhaltig: Seine postmoderne Erzählweise und innovativen Inszenierungen, seine beißende Gesellschaftskritik und Essayfilme wurden bewundert, diskutiert und kopiert. Allein in den Sechziger Jahren drehte Godard 15 Werke, von denen die meisten inzwischen fest zum Kanon der Filmgeschichte gehören.

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Jean-Luc Godard

Mit seinem Debütfilm Außer Atem schrieb Jean-Luc Godard Kinogeschichte und setzte die Nouvelle Vague in Gang. Der ehemalige Filmkritiker prägte das Medium Film nachhaltig: Seine postmoderne Erzählweise und innovativen Inszenierungen, seine beißende Gesellschaftskritik und Essayfilme wurden bewundert, diskutiert und kopiert. Allein in den Sechziger Jahren drehte Godard 15 Werke, von denen die meisten inzwischen fest zum Kanon der Filmgeschichte gehören.

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DIE STRÖMUNG

Die Nouvelle Vague wischte die altmodischen „Filme der Väter“ beiseite und entwickelte das moderne Kino. Erstmals beschäftigten sich Filme selbstreferenziell mit sich selbst, anstatt lediglich Geschichten mit Bildern zu erzählen. Mit der Generalüberholung von Inszenierung, Schnitt und Erzählweise legte die Nouvelle Vague die Grundlagen unserer heutigen postmodernen Filme, Musikvideos und Werbespots.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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