Mizoguchi war ein Frauen-Regisseur im besten Sinne. Geprägt durch Erlebnisse in seiner Kindheit – seine Schwester wurde als Geisha verkauft, seine Mutter vom Vater misshandelt – drehte er mehr als zwanzig Jahre lang immer wieder Werke, die die Stärke des weiblichen Geschlechts feiern und gleichzeitig ihre niedere Stellung in der japanischen Gesellschaft anprangern.
Im Gegensatz zu früheren Filmen wie Die Schwestern von Gion oder Frauen der Nacht, in denen Mizoguchi die Dramatik durch melodramatische Einschübe und seine berühmte fließende Kameraarbeit transportierte, hält er sich in seinem Spätwerk deutlich mehr zurück. Doch obwohl Die Straße der Schande aus einer passiveren Beobachterperspektive gedreht ist, gelingt Mizoguchi auch hier ein beeindruckendes Porträt, das auf unwiderstehliche Weise eine Brücke zwischen Publikum und Figuren baut und die Sorgen und Nöte der Protagonistinnen eindringlich schildert.
Statt sich auf eine oder zwei Frauen zu fokussieren, bietet Die Straße der Schande gleich fünf gleichberechtigte Protagonistinnen auf. Sie alle arbeiten im Bordell Dreamland und ermöglichen es dem Regisseur, zahlreiche individuelle Geschichten zu erzählen und dennoch darüber hinaus ein beispielhaftes großes Bild ableiten zu können. Die Probleme der Amüsierdamen gestalten sich ganz unterschiedlich, besitzen jedoch alle einen ökonomischen Hintergrund, der nur durch Prostitution gemindert werden kann.
Während die erste, behutsam aufgebaute Filmhälfte für die Exposition zuständig ist, beginnt Mizoguchi im weiteren Verlauf, Überraschungen einzubauen und das Geschehen dramaturgisch zu steigern. Eine Frau nach der anderen scheitert an der Lösung ihrer Probleme, was Mizoguchi die Gelegenheit gibt, eine grundsätzliche Beweisführung für die ungerechte Benachteiligung des weiblichen Geschlechts zu formulieren. Obwohl es auch einige wunderbar lebensbejahende Momente gibt (die teuer erkauft sind), bleibt vor allem das pessimistische Finale im Gedächtnis.
Die Straße der Schande ist ein kluger wie feinfühliger Film, der Mizoguchis früheren Werken in nichts nachsteht.