Mit seinem vierten Spielfilm Das Musikzimmer reihte sich Satyajit Ray endgültig in die Riege der großen Regisseure der Kinogeschichte ein. Das düstere Drama beeindruckt mit erzählerischer Ökonomie, die scheinbar mühelos diverse Themen in einer vordergründig simplen Geschichte verpackt. Darüber hinaus überzeugt der Film mit exzellenter Bildgestaltung und einer dichten Stimmung.

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Filmkritik:

Als großes Talent galt Satyajit Ray schon seit seinem Debütfilm Apus Weg ins Leben: Auf der Straße, dem Auftakt der Apu-Trilogie. Nach dem zweiten Teil bewies Ray mit Das Musikzimmer, dass er keinen Zufallstreffer gelandet hatte. Der Film etablierte den Regisseur als Autorenfilmer, der den Traditionen des indischen Kinos den Rücken kehrte und sich an den namhaftesten westlichen Kollegen orientierte.

Immer mal wieder wird Satyajit Ray als „indischer Orson Welles“ geadelt – dieser Vergleich kommt nicht von ungefähr, weil Das Musikzimmer einige Gemeinsamkeiten mit Citizen Kane teilt. Mit einer langen Rückblende im Zentrum schildert Rays Werk den Niedergang eines adeligen Landbesitzers zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Der Wohlstand der Familie von Huzur Roy reicht über Generationen zurück. Zusammen mit Frau, Sohn und diversen Dienstboten bewohnt der Patriarch einen kleinen Palast, dessen Herz das Musikzimmer ist. Der luxuriöse Raum dient als Statussymbol des Adels: Hier gibt Roy seine Gesellschaften und bezahlt regelmäßig ein kleines Vermögen für musikalische Darbietungen.

Doch der verschwenderische Lebensstil hat keine Zukunft, denn Roys Einkommen ist über die Jahre stark geschrumpft. Diese Tatsache ignoriert der Hausherr so gut er kann. Die größere Gefahr für den Stolz des Adeligen entsteht durch einen jungen, neureichen Unternehmer Ganguli, der eine Villa in der Nachbarschaft bezieht.

Die beiden Männer könnten nicht gegensätzlicher sein – als Transportmittel nutzt Ganguli keine Rassepferde, sondern ein Auto. Er hört westliche Musik statt indischer Klänge und brüstet sich sogar damit, keinen Stammbaum zu haben. Dass sich der Mann trotz seines fehlenden Status für ebenbürtig hält, nur weil er viel Geld hat, stößt Roy ab. Mit Machtspielchen versucht der Adelige, seinen Nachbarn in die Schranken zu weisen.

Auch auf uns Zuschauer wirkt der junge Ganguli zunächst reichlich unbeholfen. Gerade im Vergleich zum erhabenen Roy geht ihm jeglicher Esprit ab. Doch die Sympathien verschieben sich zunehmend, denn Ganguli stürzt sich in die Arbeit, während Roy das Gegenteil tut. Obwohl das Vermögen des Adeligen schwindet, verharrt Roy seelenruhig im Nichtstun und lässt Porträts von sich malen.

Dahinter verbirgt sich der Glaube an die eigene Überlegenheit und ein altmodisches Standesdenken. Klar ist: Roy ist ein Fossil der feudalen Ära. Derartige Charakterzüge transportiert der Film problemlos, trotz seiner Dialogarmut. Das ist auch ein Verdienst von Hauptdarsteller Chhabi Biswas, der den Adeligen mit großem Charisma spielt und selbst im Scheitern eine enorme Würde an den Tag legt.

Den unvermeidlichen Niedergang des Protagonisten fängt Satyajit Ray mit einer beeindruckenden Inszenierung ein. In Tonfall und Bildgestaltung erinnert Das Musikzimmer bisweilen an die düstersten Werke von Ingmar Bergman. Wie in Das Schweigen oder Die Stunde des Wolfs nutzt Ray kleine Symbole für große Schrecken. Geschickt steigert er das Geschehen, indem er eine psychologische Ebene einflechtet.

Das titelgebende Zimmer erweist sich als Katalysator – drei Musikabende bezeugen wir in diesem prunkvollen Raum. Der erste steht sinnbildlich für die heile Vergangenheit und die Stellung des Adeligen. Schon das zweite Konzert stürzt ihn ins Verderben und beweist die Handwerkskunst des Regisseurs.

Aus dem Nichts erzeugt Ray den Eindruck eines Albtraums: Draußen zieht ein Sturm auf und Roy beginnt sich Sorgen um Frau und Sohn zu machen, die via Schiff auf dem Weg nach Hause sind. Dann erblickt der Patriarch ein ertrinkendes Insekt in seinem Wasserglas … das böse Omen sorgt auch bei uns Zuschauern für große Spannung.

Für den Rest der Spielzeit fährt Das Musikzimmer weitere Symbole auf. In Erinnerung bleibt eine große Spinne, die nach jahrelangem Niedergang auf Roys Porträt thront und dessen baldigen Tod zu verkünden scheint. Das bringt uns von Welles über Bergman zu Shakespeare: Wie dessen Helden unternimmt auch Roy den Versuch, wenigstens mit Glanz und Gloria unterzugehen.

Er lädt seinen Kontrahenten Ganguli zu einem letzten Konzert ins Musikzimmer, um ihn endgültig bloßzustellen. Tatsächlich gelingt es Roy, die fehlende Etikette seines Gegenübers aufzuzeigen. Doch die im Wandel befindliche Welt interessiert sich nicht länger für veraltete Stilfragen – Roys Schachzug bleibt bedeutungslos, ein Pyrrhussieg.

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DER REGISSEUR

Satyajit Ray zählt zu den größten Regisseuren seiner Zeit. Der fortschrittliche Autorenfilmer kehrte der indischen Kinotradition den Rücken und orientierte sich an den berühmtesten internationalen Regisseuren. Schon Rays Debüt sorgte in Cannes für Furore; im Verlauf von 36 Jahren folgten zahlreiche – oft humanistische – Klassiker, die ihm u. a. einen Oscar für sein Lebenswerk einbrachten.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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