Ex Drummer

Ein Film von Koen Mortier

Genre: Drama

 

 | Erscheinungsjahr: 2007

 | Jahrzehnt: 2000 - 2009

 | Produktionsland: Belgien

 

Ex Drummer setzt den kontroversen Roman von Kultautor Herman Brusselmans konsequent um: Wie die Vorlage changiert der Film zwischen schwarzem Humor und Zynismus; Regisseur Koen Mortier vergrößert die Ambivalenz des Textes durch eine mitreißende Inszenierung und sorgt für eine herausfordernde Filmerfahrung.

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Filmkritik:

„Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.“ lautet die Inschrift auf dem Tor zur Hölle in Dantes Göttlicher Komödie. In diesem Klassiker der Weltliteratur führt uns der Dichter Vergil durch die Tiefen des Infernos; in Ex Drummer ist es der Schriftsteller Dries van Hegen, mit dem wir ins Elend der flämischen Stadt Ostende hinabsteigen.

Das geschieht auf Einladung von drei asozialen Gestalten, die sich spontan an van Hegen wenden, weil sie einen Drummer für ihre Punkband suchen. Der Intellektuelle nimmt die Gelegenheit an und begibt sich in den Unterschichtenmoloch, um Material für das nächste Buch zu sammeln. Dabei erliegt er der Verlockung, die dumpfen Typen um sich herum gezielt zu beeinflussen und sein Experiment zur Eskalation zu treiben.

Koen Mortier arbeitete mehrere Jahre an der Realisierung seines Wunschprojektes, doch schon Brusselmans‘ Name reichte der belgischen Filmförderung, um eine Unterstützung abzulehnen. So erfolgreich die Romane des Autors auch waren, vom kulturellen Establishment wurde seine ungehobelte Literatur angefeindet.

Die Adaption stürzt sich hingegen mit Wonne in Brusselmans‘ Schmuddelwelt: Ex Drummer beschreibt die prekären Verhältnisse und dysfunktionalen Figuren mit aller Konsequenz. Es ist ein Dasein zwischen Elend und Exzess – die Protagonisten kennen weder Selbstreflexion noch Impulskontrolle; verbale und körperliche Gewalt sind die einzigen Kommunikationsmittel, Alkohol und Drogen dienen als Grundnahrungsmittel.

Koen Mortier arbeitet mit einer Vielzahl kreativer Stilmittel, um für die verquere Welt des Films eine visuelle Entsprechung zu finden. Dabei kommt ihm seine Erfahrung als (vielfach prämierter) Werbefilmer sichtlich zupass: Er spult Szenen rückwärts ab, lässt Figuren kopfüber an der Zimmerdecke laufen, verfremdet das Geschehen mit Zeitlupen und Doppelbelichtungseffekten und hält die Szenen mittels ungewöhnlicher Perspektiven in ständiger Unruhe.

Der Stilwille verweist auf einen jungen Filmemacher, der unbedingt auf sich aufmerksam machen möchte, allerdings beherrscht Mortier sein Handwerk und rutscht nie ins Selbstzweckhafte ab. Die artifizielle Inszenierung bricht die Brutalität des Films auf und vermittelt den mitreißenden Strudel der Ereignisse, den van Hegen in Gang setzt.

Eine ähnliche Wirkung entfaltet der geballte schwarze Humor, mit dem Mortier das Milieu ins Groteske übersteigert. Mit großer Lust an der Provokation zielt Ex Drummer auf die körperlichen und geistigen Defizite der Figuren, womit er sich auf den kleineren Festivals erfolgreich als Kultfilm profilieren konnte.

Doch wo das Lachen über die Figuren in Trainspotting Empathie ausdrückt und Mann beißt Hund – der belgische Skandalfilm schlechthin – seine Bösartigkeit in den Dienst einer Satire stellt, liefert Ex Drummer zunächst keine Rechtfertigung für seine Mittel. Die hip inszenierte Gewalt, der verächtliche Blick auf seine Protagonisten, die billigen Gags – das mutet zeitweise nach zynischem Elendstourismus an.

Nur in wenigen Momenten entzieht sich der Film der Gosse, dann sehen wir Dries van Hegen beim sauberen Sex in seiner sterilen Wohnung oder zu melancholischer Musik auf dem Motorrad. Indem Mortier diese Kontraste zum lärmenden Chaos setzt, erhebt er den Schriftsteller zur Identifikationsfigur und stellt damit eine Falle, in die wir allzu schnell tappen.

Nicht Trainspotting oder Mann beißt Hund, sondern Funny Games erweist sich als bester Vergleich, denn wie Michael Hanekes Parabel über filmische Gewalt kitzelt auch Ex Drummer die masochistische Schaulust von uns Kinogängern. Es ist kein zynischer Film, sondern ein Film über Zynismus. Das blutige Finale gleicht einer Abrechnung und betrügt uns: Es schenkt allen Protagonisten Frieden und lässt uns als Verlierer zurück.

Das finale Massaker an einem Großteil der Protagonisten ändert den Blickwinkel des Films – ihr Ableben rehabilitiert die asozialen Subjekte: In post mortem durchgeführten Einspielern blicken sie auf ihre tragischen Schicksale zurück und offenbare kleine biografische Details, sodass wir ihnen erstmals mit Verständnis begegnen können – eine Absage an die zuvor gepflegte Häme.

Derweil macht sich der vom Beobachter zum diabolischen Dirigenten aufgestiegene van Hegen von dannen, ohne eine Strafe befürchten zu müssen.  Ex Drummer verweigert uns damit eine Katharsis, nachdem er uns zuvor zu Mittätern gemacht hat. Indem Mortier einige der Morde aus subjektiven Blickwinkeln zeigt, legt er uns die Waffe in die Hand.

Der Film verrät uns also auf allen Ebenen. Unter dem Vorwand, von van Hegen angeleitet zu werden, triggert er unsere Sensationslust und den abschätzigen Blick auf die Verlierer. Der Schriftsteller mag unser Führer sein, aber wir begleiten ihn nur allzu gerne. Vielleicht handelt van Hegens Roman nicht nur von den Losern, sondern auch von uns, die gaffend im Elend baden, und am Ende selbst beschmutzt zurückbleiben. Dass Ex Drummer trotzdem einen Heidenspaß macht, trägt zur Ambivalenz dieses mitreißenden Werkes bei.

★★★★★☆

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Drama

Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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