Die Einsamkeit des Langstreckenläufers zählt zu den Vertretern der British New Wave und schildert wie die meisten Filme der Strömung das Leben der Arbeiterschicht. Allerdings ist das Werk von Tony Richardson keine bloße Milieustudie, sondern verknüpft das Porträt eines jungen Mannes mit Grundsatzfragen zum Umgang mit der gesellschaftlichen Ordnung.

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Filmkritik:

Die Einsamkeit des Langstreckenläufers basiert auf dem gleichnamigen Kurzroman von Alan Sillitoe, der zuvor schon die Vorlage für einen weiteren Klassiker der British New Wave, Samstagnacht und Sonntagmorgen, geschrieben hatte.

Der Film beginnt mit der Einweisung des 18-jährigen Colin in eine Erziehungsanstalt und erzählt von diesem Punkt aus in zwei Richtungen: Wir lernen seine Vergangenheit im tristen Nottingham kennen und begleiten seinen Werdegang durch die staatliche Maßnahme.

Die Einsamkeit des Langstreckenläufers verwendet den größeren Teil seiner Spielzeit auf die Rückblenden und beschreibt die Lebensverhältnisse seines Protagonisten auf die typische Art der British New Wave: lebensnah, mit einer empathischen Haltung den einfachen Leuten gegenüber und einer schnörkellosen Bildsprache. Eine dezente Ironie lockert das Geschehen auf und erinnert an frühe Arbeiten von François Truffaut.

Schon ein Jahr zuvor bewies Regisseur Richardson mit Bitterer Honig, wie gut er sich darauf versteht, die Stimmung junger Menschen in unsicheren Zeiten einzufangen; nun beschreibt er erneut ein perspektivloses In-den-Tag-Leben. Colin befindet sich in einem Alter, in dem er sein Leben erstmals selbst in die Hand nehmen könnte, doch er besitzt keine Vorstellung davon, wie seine Zukunft aussehen könnte.

Weil er keine falsche Entscheidung treffen will, trifft Colin gar keine und wohnt als Arbeitsloser noch bei Mutter und Stiefvater. Dabei spielt auch sein leiblicher Vater eine Rolle, der sich jahrzehntelang in den Fabriken aufgerieben und den Reichtum der Bosse vermehrt hat, um dann viel zu früh abzutreten. Colin ist daher nicht bereit, sich für kleines Geld an „die da oben“ zu verkaufen.

Auch andere Filme der British New Wave kultivieren die Orientierungslosigkeit junger Leute, doch Die Einsamkeit des Langstreckenläufers spitzt das Szenario durch die Einweisung in die Erziehungsanstalt zu. Hier gilt erst recht: Wer spurt, erhält Vergünstigungen, wer aufmuckt, bekommt Schläge.

Das Skript führt Colin geradewegs in ein Dilemma: Als er sich als begabter Crossläufer entpuppt und ihn die Anstaltsleitung fördern will, ist die Zeit des Hinauszögerns vorbei – der junge Mann muss zwangsläufig eine Haltung annehmen und entscheiden, ob er sich einspannen lässt oder rebelliert.

In Gestalt des von Michael Redgrave gespielten Gefängnisleiters installiert der Film einen Antagonisten und verleiht „denen da oben“ ein Gesicht. Seine förmliche Ausdrucksweise und der selbstgerechte Habitus öffnen Colin die Augen – selbst wenn er seine Freiheit aufgibt und nach „ihren“ Regeln spielt, er wird niemals einer von „ihnen“ sein.

Die Einsamkeit des Langstreckenläufers verdeutlicht, dass bedingungsloser Konformismus das Leben einfacher, aber auch falscher macht. Tony Richardsons Plädoyer für Integrität und Individualismus kommt ohne Moralkeule aus und entwirft ein stimmungsvolles Porträt seiner Hauptfigur. Diese verkörpert Tom Courtenay in seinem Debüt fabelhaft, in den Folgejahren stieg er (mit Geliebter Spinner und Für König und Vaterland) zum gefragten Charakterdarsteller auf.

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DIE ÄRA

Die Sechziger Jahre zählen zu den revolutionärsten Jahrzehnten der Kinogeschichte. Mehrere Strömungen – die neuen Wellen – verschoben künstlerische Grenzen und modernisierten die Filmsprache. Viele Regisseure ließen die themen der vorherigen Generationen hinter sich und drehten freiere, gesellschaftskritischere Werke.