Die verlorene Ehre der Katharina Blum erreichte die Kinos bereits kurz nach dem Erscheinen des gleichnamigen Romans von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll. Wie die Vorlage rechnet auch der Film von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta mit dem Boulevardjournalismus ab und wendet die kolportagehaften Methoden dieser Medien gegen ebenjene.

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Filmkritik:

Bölls wütender Roman entstand als Reaktion auf eine Hetzkampagne des Medienkonzerns Springer, der Böll 1972 in der BILD als RAF-Sympathisanten verleumdete. Noch schlimmer ergeht es der Protagonistin Katharina Blum, die im Kölner Karneval den falschen Mann kennenlernt und mit zu sich nach Hause nimmt. Ihr Liebhaber ist am nächsten Morgen verschwunden und stürmt die Polizei die Wohnung – Katharina hatte eine Verbrecher Unterschlupf gewehrt.

Für die junge Frau beginnt ein Spießrutenlauf – erst die grobe Behandlung der Polizei, später vor allem aber die unlauteren Methoden eines hier als „DIE ZEITUNG“ paraphrasierten Boulevardblatts setzen Katharina erheblich zu. Fortan muss sie sich mit Vorverurteilung und Belästigungen herumschlagen, ein normales Leben ist nicht länger möglich.

Roman wie Film verhehlen zu keinem Zeitpunkt die Natur ihres Angriffs auf die Springer-Presse: Die verlorene Ehre der Katharina Blum lässt die Polemik des Boulevards auf sich selbst zurückfallen und entsagt einem differenzierten Gesellschaftsporträt. Stattdessen fährt der Film eine ganze Reihe von Figuren auf, die ihre jeweilige Kaste als typenhafte Stellvertreter in keinem guten Licht erscheinen lassen.

In Erinnerung bleibt besonders der von Mario Adorf fantastisch verkörperte Kommissar Beizmenne, der zwischen unangenehm jovialer Annäherung und aufbrausender Impertinenz changiert. Den Kontrapunkt dazu setzt Rolf Becker als Staatsanwalt Hach, dessen kühle Arroganz eine unausgesprochene Verachtung für die Gesellschaft unterhalb der Oberschicht ausdrückt.

Besonders negativ schildert der Film den Reporter der ZEITUNG, Werner Tötges. Die zynische Weltsicht des gewissenlosen Widerlings vereinnahmt alles, womit er in Berührung kommt. Wo die vorgenannten Staatsbediensteten zumindest im Dienstauftrag handeln, ist bei Tötges keine Trennung zwischen beruflicher und privater Sicht zu erkennen; er geht vollkommen in den eigenen Lügen auf.

Dem stellt Die verlorene Ehre der Katharina Blum ein wehrloses, aber vor allem ein weibliches Opfer gegenüber. Die von Angela Winkler vortrefflich gespielte Protagonistin mag über weite Strecken des Films zur Passivität verdammt sein, doch in den besten Szenen entpuppt sich Katharina als selbstbestimmte junge Frau, die sich nicht mit ihrer Opferrolle abfinden will und auch in Drucksituationen unbeirrt an ihren Grundsätzen festhält.

Mit dieser persönlichen Stärke verkörpert sie eine Bedrohung für das patriarchale System, das dem Terror der RAF mit maskuliner Härte entgegnen will. Indem sich Katharina Blum dem Anti-Terror-Kampf nicht unterordnet und auf ihre Rechte pocht, fordert sie die Autorität der Behörden regelrecht heraus. In diesem Punkt hat der Film dem Roman etwas voraus – hier können wir die empörten männlichen Blicke sehen und darin eine gewisse Lächerlichkeit erkennen, wenn die Alphamännchen sich von einer „modernen Frau“ bedroht fühlen. Da das Patriarchat am längeren Hebel sitzt und das schamlos ausnutzt, verwandelt sich jegliche Belustigung jedoch schnell in ohnmächtige Wut.

In diesen Szenen facht Die verlorene Ehre der Katharina Blum unsere Emotionen zwar geschickt an, dennoch interessiert sich der Film – wie schon der ebenfalls schlicht gehaltene Roman – wenig für die Dramatik der Geschichte. Auch aufgrund der etwas biederen Inszenierung des damaligen Ehepaares Schlöndorff/von Trotta stehen Inhalt und Reflexion im Vordergrund.

Der Zeitgeist des Deutschen Herbstes ist glücklicherweise verflogen, die Relevanz von Die verlorene Ehre der Katharina Blum hingegen nicht. Die Böll-Adaption zählt nach wie vor zu den wichtigsten Vertretern des Neuen Deutschen Films – und solange Konzerne Hetze betreiben und die Menschen sich dem willentlich aussetzen, wird sich daran auch nichts ändern.

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Der Neue Deutsche Film entstand in den Sechziger Jahren und grenzte sich von den damals populären leichten Unterhaltungsfilmen ab. Die Regisseure der Strömung sahen sich als Autorenfilmer und drehten Werke, die sich unabhängig vom Genre mit der Gesellschaft und Politik auseinandersetzen.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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