Der Film schildert etwas weniger als 24 Stunden im Leben eines Ehepaares. Nach zehn Jahren Ehe werden Giovanni und Lidia am Ende dieses Tages endgültig anerkennen müssen, dass ihre Beziehung gescheitert ist. Die große Tragik von Die Nacht liegt nicht nur in der Sprachlosigkeit der beiden Eheleute, sondern vor allem auch an der Tatsache, dass das Schicksal ihrer Ehe bereits besiegelt ist – ohne großen Konflikt, ohne besondere Umstände, sondern durch das tägliche Entfremden, das nicht bemerkt wurde.
Insofern zählt Antonionis Werk nicht zu jenen Filmen, die das Beziehungsende ihrer Protagonisten durch lange Dialogpassagen sezieren oder emotionalisieren. Gescheitert sind Giovanni und Lidia schon lange, sodass es keine Entwicklung mehr gibt, die Antonioni noch schildern könnte. Wir sehen ihnen lediglich noch dabei zu, wie sie in diesem Zustand der Niederlage miteinander leben.
Dabei liefern nicht nur Marcello Mastroianni und Jeanne Moreau tolle Leistungen ab, sondern auch die Regie von Michelangelo Antonioni erweist sich als überragend: Der italienische Autorenfilmer transportiert die Situation mit handwerklicher Perfektion und entwirft eine starre Welt der Oberflächen, die das Innenleben des Ehepaares spiegelt. Die so glatte wie kalte Architektur Mailands prägt die erste Hälfte des Films, während das unpersönliche Ambiente einer Luxusvilla und das seelenlose Miteinander der dort eingeladenen Partygäste den zweiten Teil dominieren.
Zwischen den Feiernden bewegen sich Giovanni und Lidia mehr neben- als miteinander und wirken wie Satelliten abseits ihrer Umlaufbahn. Die Szenen des Films transportieren keine Inhalte, alles ist erstarrt wie die perfekten Oberflächen. Nirgendwo bietet sich ein Ansatz, um etwas von Belang hinzuzufügen – nicht nur die Ehe der beiden Protagonisten ist erkaltet, die ganze Gesellschaft wirkt unfähig, dem Leben einen tieferen Sinn abzuringen. Stattdessen lächeln, lärmen und trinken die Menschen oder ziehen sich zurück wie die von der bezaubernden Monica Vitti gespielte Nebenfigur, die vielleicht als Einzige versteht, woran es allen fehlt; dass sie dennoch ebenfalls in der Agonie der Festgesellschaft gefangen ist, verleiht dem Film weitere Tragik.
Die Nacht vermittelt extrem subtil eine jedes Lebensgefühl erstickende Tristesse. Der Fluss der großartig durchkomponierten Schwarz-Weiß-Bilder offenbart das Paradoxon der Figuren – die innere Leere der Menschen folgt ihnen überall hin, ein Entkommen scheint unmöglich.