Mit Vogelfrei meldete sich die Regisseurin Agnés Varda zurück, nachdem sie beinahe ein Jahrzehnt lang nur Dokumentarfilme gedreht hatte. Ihr Drama über eine herumstreunende Vagabundin stellt Überlegungen über das Wesen der Freiheit an und gewann 1985 den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig.

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Filmkritik:

Vogelfrei startet mit einem Ende: Ein Arbeiter findet eine erfrorene Obdachlose in einem Graben, worauf sich Agnés Varda per Voice-Over einschaltet und ankündigt, den Weg der jungen Frau rückblickend nachzuzeichnen. Wie in Orson Welles‘ berühmten Werk Citizen Kane reiht der Film nun die Episoden aneinander, die zu Monas Tod geführt haben.

Zwar handelt es sich bei Vogelfrei um einen Spielfilm, Vardas Blick bleibt jedoch dokumentarisch und setzt auf Wahrhaftigkeit statt auf Effekt. Das hat Tradition: Die belgische Regisseurin startete ihre Karriere als Fotojournalistin und durchsetzte ihre Arbeiten von Anfang an – in ihrem Debütfilm La Pointe-Courte und dem Durchbruchswerk Mittwoch zwischen 5 und 7 – mit ungekünstelten Perspektiven.

In Vogelfrei kommt ein essayistischer Ansatz zum Tragen: Auf Handlungsszenen mit Mona folgen kleine Interviewpassagen mit den Menschen, die der jungen Frau begegnet sind. Dabei erfahren wir mindestens so viel über die Befindlichkeiten der Berichtenden wie über Mona, die oft als Katalysator für die Vorurteile und Erfahrungswelten der Nebenfiguren dient.

Uns Zuschauer beeinflusst das Verhalten der jungen Frau deutlich weniger, weil Vardas Inszenierung aktiv gegen eine allzu starke Immersion vorgeht. Die Kamera bleibt unaufgeregt und meistens distanziert, die Schauspieler halten sich zurück und Musik läuft nur innerhalb der Filmwelt.

Als besonderer Störfaktor erweisen sich die Überleitungen zu den Interviewsequenzen: In vielen Szenen drehen sich die Protagonisten ungeschnitten Richtung Kamera und fangen an zu berichten. Das Durchbrechen der vierten Wand hält uns effektiv auf Distanz und verhindert die Abstraktion des Geschehens, mindert jedoch auch dessen filmisches Erleben.

Immerhin ist Varda nicht daran gelegen, ein moralinsaures Drama zu produzieren. Sie entsagt nicht nur jeglicher moralischer Wertung, sondern baut auch einige humorvolle Situationen ein. In Erinnerung bleibt vor allem eine herzliche Szene, in der sich Mona mit einer leicht senilen Rentnerin betrinkt und für einen Moment keine Sorgen verspürt.

Bemerkenswert erscheint auch die Tatsache, dass sich die Protagonistin stetig von rechts nach links durch die Bildausschnitte bewegt – eine kleine stilistische Fingerübung in einem ansonsten realistisch gehaltenem Film. Anderthalb Jahrzehnte später kopierte der japanische Regisseur Sabu diesen Einfall und drehte seine lebenskluge Komödie Blessing Bell nach diesem Prinzip.

Im Zusammenspiel mit den tristen Winterbildern schafft Vardas zurückhaltende Inszenierung Raum für Reflexion. Ohne die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe der jungen Aussteigerin zu kennen, bleibt uns nur die Bewertung des aktuellen Leinwandgeschehens. Da die verschlossene Frau keinerlei Ideologie formuliert, reicht Varda den Freiheitsbegriff ihrer Protagonistin an uns weiter. Wie sieht diese Freiheit aus?

Der Originaltitel deutet Monas Lebensweise eher pessimistisch: Sans toit ni loi – „ohne Dach und Gesetz“ trifft den kargen Alltag der Frau schon ziemlich exakt. Mona leistet sich die Freiheit, sich keiner Ideologie unterordnen zu müssen, und entsagt den kapitalistischen Grundfesten unserer Gesellschaft. Sie ist an keinen Ort und keine Verpflichtungen gefesselt.

Was sich romantisch anhört, entpuppt sich als Leben ohne Halt. Mit dem Verzicht auf ein geregeltes Einkommen ergibt Mona sich vollends der Willkür von Dritten – sie ist auf Nächstenliebe und Mitgefühl angewiesen, also alles andere als frei. Das führt zu einem steten Abstieg, der auf einem Feld im Nirgendwo endet. Erfroren aufgefunden, konstatieren die Polizisten einen „natürlichen Tod“.

Doch erscheint das Dahinsiechen eines Individuums in einer westlichen Wohlstandsnation nicht viel mehr „unnatürlich“? Vogelfrei mag eine orientierungslose Frau ins Zentrum der Erzählung stellen, doch wie in den Bildern von Vardas Landsmann, des Malers René Magritte, geht es vor allem um die Anordnung der Dinge um das Motiv herum. Vogelfrei handelt nicht nur von einer Vagabundin, sondern auch von der Gesellschaft, von dir und mir.

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DIE REGISSEURIN

Agnès Varda drehte schon Werke im Stil der Nouvelle Vague, bevor Truffaut und Godard die Strömung populär machten. Im Lauf ihrer 50-jährigen Karriere wechselte Varda zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, wobei besonders die Arbeiten aus den Sechziger Jahren bemerkenswert sind. Vardas Filme drehen sich um die großen Themen des Lebens: Liebe, Freiheit, die Suche nach individuellem Glück.

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Agnès Varda drehte schon Werke im Stil der Nouvelle Vague, bevor Truffaut und Godard die Strömung populär machten. Im Lauf ihrer 50-jährigen Karriere wechselte Varda zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, wobei besonders die Arbeiten aus den Sechziger Jahren bemerkenswert sind. Vardas Filme drehen sich um die großen Themen des Lebens: Liebe, Freiheit, die Suche nach individuellem Glück.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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