Filmkritik:

Mit Mittwoch zwischen 5 und 7 drehte die belgische Regisseurin Agnés Varda einen frühen Vertreter der Nouvelle Vague. Ihr Film bereichert die Strömung um eine weibliche Perspektive sowie einen frischen inszenatorischen Ansatz: Vardas Werk verläuft in Echtzeit und mit dokumentarischem Einschlag.

Nachdem Agnés Varda bereits 1955 ihr semi-dokumentarisches Debüt La Pointe-Courte vorgelegt hatte, gelang ihr durch das folgende Werk Mittwoch zwischen 5 und 7 der Durchbruch. Der Film beobachtet anderthalb Stunden im Leben einer jungen Frau, die ziellos durch die Straßen von Paris läuft, bevor sie das Ergebnis eines Krebstests erhalten wird.

Zusammen mit Cléo erleben wir einen Nachmittag im Konjunktiv: Nichts erscheint mehr wichtig, der Schatten der potenziellen Erkrankung hängt über allem. Wen interessieren da noch die Arbeit oder die Befindlichkeiten anderer Menschen? Auch was Cléo in den anderthalb Stunden vor dem Arzttermin tut, erscheint vollkommen irrelevant. Das Leben aller anderen Menschen rauscht an Cléo vorbei, doch für die junge Frau bewegt sich nichts.

Die enervierende Nebensächlichkeit aller Dinge und der Stillstand, in dem sich Cléo befindet, durchziehen die erste Hälfte des Films und erfordern Geduld. Dabei greift die Regisseurin auf ihre vorherige Arbeit als Fotojournalistin zurück: So, wie ein Foto die Zeit für immer stillstehen lässt, inszeniert Varda ihr Porträt von Cléo wie innerhalb eines Vakuums. Allerdings bildet der erste Teil das Fundament für eines der klassischsten Erzählmuster überhaupt: Die Heldenreise.

Wie schon zahllose Protagonisten seit Homers Odyssee zieht auch Cleó plötzlich los – sie lässt den Schutz der Wohnung und ihre treu sorgende Assistentin zurück und begibt sich auf einen Spaziergang durch das frühsommerliche Paris. Dank der gekonnten Inszenierung von Agnés Varda läuft der Film nun zur Hochform auf. Cléos Flucht scheint eine Entwicklung einzuleiten – ein kurzer Small Talk mit einem Taxifahrer und etwas gemeinsame Zeit mit einem redseligen Soldaten ziehen die Protagonistin Stück für Stück aus ihrer Blase. Die Welt rückt wieder dichter heran, Cléo fasst neue Kraft.

Doch auch in der Zeit davor gibt sich Mittwoch zwischen 5 und 7 keinem tristen Existenzialismus hin. Der Film sprüht vor Leben und dem Flair von Paris, das von der Kamera bravourös eingefangen wird. Vardas Werk setzt auf ausgedehnte Sequenzen ohne Schnitt und kombiniert ansehnliche Panoramen mit der Mobilität von Handkameras, die uns mitunter ganz nah an Cléo heranführen.

Einen Vorgeschmack auf Vardas tolle Inszenierung der zweiten Filmhälfte liefert ein Film im Film: Cléo macht kurz Halt in einem Kino und sieht eine Stummfilmkomödie, die Cameoauftritte von Jean-Luc Godard und Anna Karina beinhaltet und herrlich altmodisch gedreht ist.

Aus den beschränkten Mitteln macht Regisseurin Agnés Varda eine Tugend – sie verzichtet auf erzählerische Konventionen und Effekthascherei und setzt stattdessen auf handwerkliches Geschick und die gute Hauptdarstellerin Corinne Marchand. So gewinnt Mittwoch zwischen 5 und 7 eine zeitlose Wahrhaftigkeit.

Handlung:

Die junge Chansonsängerin Cléo Victoire fühlt sich ausgelaugt und ist sich sicher, dass die vor einigen Tagen vorgenommene medizinische Untersuchung ihren Verdacht bestätigt, Krebs zu haben. An einem Frühsommer-Mittwoch um 18:30 Uhr wird sie die Diagnose erhalten. Der Nachmittag dieses Tages vergeht in quälendem Nichtstun und zieht sich wie Kaugummi …

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.