Im von geballter Tristesse geprägten Drama Das Irrlicht schildert Regisseur Louis Malle nicht nur einen kurzen Abschnitt im Leben eines einsamen Mannes, sondern nimmt darüber hinaus auch die Leere unseres modernen kapitalistischen Lifestyles vorweg.

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Filmkritik:

In David Finchers Meisterwerk Fight Club schlug sich ein gewisser Tyler Durden mit gelangweilten Mittelstandsmännern, in American Psycho ermordete Patrick Bateman unbedeutende Unbekannte – beide Filme beruhen auf postmodernen Romanen, die sich auf ihre Art mit der inneren Leere der vom modernen Leben konditionierten Figuren auseinandersetzen.

Doch diese Symptomatik tritt nicht erst in unserer heutigen Gesellschaft zutage. In seinem bereits 1963 veröffentlichten bemerkenswerten Drama Das Irrlicht schildert Louis Malle den Zustand von Alain Leroy, der den Durdens und Batemans dieser Tage gar nicht so unähnlich ist und dieselbe Leere verspürt.

Fernab aller Wünsche und Hoffnungen, ohne Ziele oder Ideale, was bleibt da noch? Nichts hält Leroy mehr in seinem Leben und eben dies hält er nicht aus. Er spielt mit dem Gedanken an Selbstmord.

Wie auch die vorgenannten Werke handelt es sich auch bei Das Irrlicht um eine Romanverfilmung, dessen Vorlage von Drieu La Rochelle bereits aus dem Jahre 1931 stammt. Die Idee, die Geschichte eines selbstmordgefährdeten Einzelgängers zu schreiben, erhielt der Autor durch den Freitod eines Freundes. Jahre nach der Vollendung seines Buches starb auch Drieu La Rochelle – ebenfalls durch eigene Hand.

Als Clou von Malles Verfilmung erweist sich die interne Fokalisierung, die uns Zuschauer zwingt, uns aus wenigen Informationen selbst ein Bild von Leroy zu machen, ihn zu beobachten, sein Tun zu interpretieren. Das Irrlicht zeigt uns dafür nur einen Tag aus dem Leben dieses einsamen Mannes, aber bietet keinerlei Hintergrundwissen.

Dieses Nicht-Sichtbare, die vor uns verborgenen Pfade der Vergangenheit und die Gedanken der Gegenwart, erschafft ein faszinierendes Mysterium und formuliert eine zu beantwortende Frage: Wo erfolgte der Bruch, der Leroy zum Irrlicht werden ließ?

Es gab eine Zeit, in der Alkohol und Frauen ausgereicht haben. Leroy sah gut aus und konnte sich das Nichtstun leisten. Mehrfach wird er von Bekannten auf die Vergangenheit angesprochen, auf die guten alten Tage. Noch heute hat er diesen Ruf als lebenslustiger Charmeur. Alle freuen sich, ihn zu sehen, erzählen von „damals“ und „früher“, wärmen Anekdoten auf.

Doch die Vergangenheit hat ihren Zauber verloren. Für Leroy, der nicht mehr der Alte ist und für seine ehemaligen Freunde, die sich längst in so konventionelle wie bequeme Konfektionsleben zurückgezogen haben oder in obskure Hobbys geflüchtet sind. Leroy weiß, dass dies keine Lösungen für ihn darstellen.

Sein letztes bisschen Integrität hat er während des Aufenthaltes in der Entzugsklinik verloren: den Alkohol. Die Handlung des Films startet am Tag seiner Entlassung, doch obwohl die Drinks noch eine Rolle spielen werden, hat Das Irrlicht wenig gemein mit Alkoholikerballaden wie Das verlorene Wochenende.

In Leroys Leben ging es nie um den Schnaps, auch nicht um die Frauen, auch wenn Malle diese kleinen Mosaiksteinchen wunderbar subtil andeutet und einbettet. Es ist das uns unbekannte große Ganze, die allgemeine Haltlosigkeit, an der die Hauptfigur scheitert.

Es bräuchte wohl eine äußere Kraft, die eine Veränderung in Innern Leroys bewegt, und darauf scheint er schon lange zu warten, doch bezeichnenderweise unternimmt keiner der vielen Freunde und Bekannten einen Versuch, ihn zu retten.

Louis Malle hat den Film derweil in seinem meisterlichen Griff. Erinnern die großartige, bereits die Tiefsinnigkeit des Films postulierende Eröffnungsszene noch an Resnais‘ Hiroshima mon amour und die Schnitte an die Werke Godards, realisiert Malle dennoch ein ganz eigenes Werk, fokussierte sich vollends auf die Hauptfigur und drapierte drum herum unzählige Details.

Die schwarz-weißen Trübsinnsbilder, die berühmte minimalistische Klaviermusik von Erik Satie und das so ausdrucksstarke wie zurückhaltende Spiel von Hauptdarsteller Maurice Ronet erzeugen eine fatalistische Atmosphäre. Das Irrlicht ist ein erinnerungswürdiges, großartiges Werk, das bis zum Schluss, mit seinem paradoxen Happy End, ohne Makel bleibt und heute noch genauso beeindruckt wie im Jahr seiner Entstehung.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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