Der seidene Faden

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Filmkritik:

Auch in seinem achten Film Der seidene Faden entwirft Paul Thomas Anderson wieder ein dichtes Psychogramm besonderer Figuren und liefert damit den würdigen Rahmen für die Abschiedsvorstellung seines Hauptdarstellers Daniel Day-Lewis.

Im Grunde kreist Andersons neuster Streich zwei Stunden lang um lediglich drei Personen, die in wechselnden Konstellationen aufeinandertreffen. Andersons feinsinnige Charakterstudie erforscht das Innenleben eines so genialen wie manischen Modeschöpfers, der ausschließlich seiner ebenso kühlen Schwester vertraut, dann jedoch von seiner neuen Muse Alma erst aus der Reserve gelockt und später aus der Fassung gebracht wird.

Der Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Produzent in Personalunion betrachtet die zwiespältigen Beziehungen zwischen den Protagonisten mit derart wenig Abstand, dass sich innerhalb der Modeateliers, Vorführräume und Privatgemächer ein ganz eigener Kosmos entspinnt; eine Parallelwelt, die nur zwischen den Figuren existiert. Der seidene Faden nähert sich seinen Protagonisten so dicht an, dass weder der Außenwelt noch der Zeitachse eine Bedeutung zukommt.

Dementsprechend spielt ein klassischer Handlungsablauf keine große Rolle, stattdessen setzt Anderson den Film wie ein Mosaik zusammen. Aus den vielen Einzelteilen entsteht dann zwar letztlich ein Gesamtbild, die eigentliche Magie des Films ergibt sich jedoch aus den kleinen Scherben selbst. Viele Szenen besitzen eine in sich geschlossene Dramaturgie und eigene Konflikte, die gelöst oder (meistens) vertagt werden. Insbesondere den kühlen, beinahe schon artifiziellen Dialogen kommt eine besondere Rolle zu, denn die erstarrte, bisweilen dysfunktionale Kommunikation der Figuren baut stetigen Druck auf, obwohl auf der vordergründigen Handlungsebene wenig passiert und das Tempo niedrig bleibt. Geschickt erzeugt Der seidene Faden so eine innere Spannung, auf deren Entladung wir gebannt warten.

Darin gleicht der Film zwei prominenten Vorbildern: Wie schon in Alfred Hitchcocks Gothic-Melodram Rebecca kämpft die Protagonistin in einer Welt, die ihr mehrere Nummern zu groß ist, um die Liebe eines Mannes. Und wie in Alles über Eva von Joseph L. Mankiewicz handelt es sich dabei um eine private wie berufliche Aufsteigerstory mit einem perfiden Clou. Neben den fantastischen Darstellern bleibt vor allem der extrem trockene Humor in Erinnerung. Andersons verstohlene Freude an den zunehmend aggressiveren, aber stets förmlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Modezar und seiner Muse schimmert immer mal wieder sachte durch.

Den entscheidenden Akzent setzt der bis dato ordentliche Film dann im fulminanten Finale, wo er zur Hochform aufläuft. Anderson liefert hier die mutmaßlich beste Kinoszene des Jahres ab und eröffnet durch einen Winkelzug eine abseitige, aber dafür auch menschliche Seite der bis dato nicht unbedingt sympathischen Figuren. Eine derart absurde, in ihrer fragilen Balance aus Eros und Thanatos schwebende Beziehung zwischen den Protagonisten kennt man sonst nur von psychologischen Großmeistern wie Roman Polanski oder David Cronenberg. Wie der Film sich traut, für die sinnliche Perversität seiner beiden Hauptfiguren einzutreten, hat so gar nichts mit den Konventionen Hollywoods gemein und bildet einen perfekten Abschluss.

Obwohl Der seidene Faden wie von Anderson gewohnt akribisch und elegant in Szene gesetzt ist, agiert er im Hinblick auf Schauwerte oder Tonfall deutlich subtiler als noch in There Will Be Blood oder Magnolia. Dadurch fällt es auch noch leichter als sonst, den Filmemacher für seine manierierte Regie zu kritisieren oder ihm eine bewusst akzentuierte, wenn nicht gar angestrengte Schwere vorzuwerfen. Doch dieser heilige Ernst lässt sich genauso gut als Vertrauen zum Publikum deuten: Trotz des hohen intellektuellen Niveaus begegnet der Regisseur dem Zuschauer stets auf Augenhöhe, was heutzutage sehr selten und so gar nicht prätentiös ist.

Der seidene Faden ist ein Film, der seine Zuschauer durch Nuancen und Details, durch Ungesagtes und Angedeutetes bindet, ohne mit profanen Auflösungen zu arbeiten. Durch den Verzicht auf erklärende Entzauberungen behält er seine kleinen Mysterien für sich und lädt zum wiederholten Erleben ein. Paul Thomas Anderson ist ein in sich geschlossenes, zeitloses Werk gelungen.

Handlung:

Niemand kann Reynolds Woodcock in Sachen Mode und Schneiderkunst das Wasser reichen. Unterstützt von seiner Schwester Cyril kleidet er Adlige, Filmstars, Erbinnen, Damen aus der Society und Debütantinnen im London der Nachkriegsjahre ein. Alle reißen sich um die unverwechselbaren Modelle des „House of Woodcock“. Bis er Alma kennenlernt. Eine junge, natürliche und unbefangene Frau mit starkem Willen. Bald schon ist sie aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken. Als Muse. Als Geliebte. Und sein maßgeschneidertes Leben, kontrolliert und planvoll, beginnt sich an den Säumen aufzulösen…

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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