Der freie Wille

Regie: | Jahrzehnt: | Genre:


Filmkritik:

Der freie Wille wagt sich an ein heikles Sujet und entwirft ein beinahe dreistündiges Psychogram eines Triebtäters, der nach der Haftentlassung mit seiner Krankheit kämpft.

Der von Co-Produzent Jürgen Vogel überragend gespielte Theo Stoer ist völlig kaputt, wie uns der bedrückende Beginn des Films eindringlich aufzeigt, weil er direkt mit einer unangenehmen Vergewaltigung startet. Hier sehen wir Theo auf dem Höhepunkt seiner Krankheit: durchgedreht, unmenschlich. Harter Schnitt: Neun Jahre später sitzt Theo beim Entlassungsgespräch des Maßregelvollzugs, ruhig, etwas zusammengesunken. Mir leiser Stimme erzählt er, dass er sich nun besser fühlt. Für den Zuschauer liegen nur wenige Minuten zwischen den brutalen Vergewaltigungsszenen und diesem fast schon besinnlichen Moment – glauben wir (an) Theo? Vielleicht würden wir gerne, doch wenn er mitteilt, seit drei Monaten keine „Triebhemmer“ mehr nehmen zu müssen, geraten wir ins Wanken – kann man so einen auf die Gesellschaft loslassen?

Um es vorwegzunehmen: Der freie Wille sucht nicht zwingend nach Antworten oder nach höherer Moral und präsentiert auch keine Lösungen. Das Werk von Matthias Glasner zählt eben nicht zu diesen ach so ernsten Problemfilmen, die sich ihrem Sujet mit sorgenvoller Miene fast schon formelhaft nähern, in dem sie anhand klar als solche ausgestellter Schlüsselszenen fein säuberlich Ursache, Wirkung und Katharsis diktieren, damit das Publikum die Auseinandersetzung erleichtert abhaken kann und das Gefühl bekommt, sich „mit dem Thema beschäftigt“ zu haben.

Dass Glasner eben nicht seelenlos Plotpoints abhakt, sorgt letztlich auch für die lange Spielzeit des Films, der Theo eben auch im Alltag folgt. Wer ihn bei seinen ständigen sportlichen Aktivitäten sieht, bekommt ein Gefühl für Theos Konflikt mit dem eigenen Körper, den er so züchtigen will. Wenn Theo eine Minute lang neben einem Plakat sitzt, das mit nackten Menschen für Parfüm wirbt, wird uns wieder bewusst, wie selbstverständlich wir mit unserer sexualisierten Welt umgehen können und wie schwer es für Theo sein muss. Dem Film gelingt es, dem Zuschauer durch unzählige Kleinigkeiten die Möglichkeit zu geben, sich in die Wahrnehmung dieses tabubehafteten kranken Menschen einzuklinken. Wer unbedingt eine Botschaft in Glasners Werk finden will, bekommt sie durch diese Details – es geht nicht um Antworten und Lösungen, sondern zuallererst um Differenzierung, um die Bereitschaft und die Möglichkeit, Theos Welt überhaupt erst einmal zu begreifen.

Doch wie gesagt: Der freie Wille zählt ohnehin nicht zu diesen Problemfilmen, sondern entfaltet auch die Magie des Kinos und lässt den mehrfachen Vergewaltiger Theo auf die unsichere, mutmaßlich in der Vergangenheit missbrauchte Nettie treffen. Dieser Zufall wirkt absurd, aber eben auch auf eine verrückte Art romantisch. Wenn diese beiden dysfunktionalen Menschen ganz zögerlich zueinanderfinden und jede noch so winzige Kleinigkeit dieses zerbrechliche Gebilde aus Hoffnungen und Ängsten zerstören könnte, offenbart sich ein unkonventioneller emotionaler Kern – eine derartige Zärtlichkeit schien zu Beginn des Films noch undenkbar und bildet eine zweite Ebene; Theos Kampf mit sich selbst wird nun auf einem neuen Schlachtfeld ausgetragen, die Einsätze erhöhen sich.

Ermöglicht wird diese Zärtlichkeit auch durch die Inszenierung von Matthias Glasner, die enorm zurückhaltend ausfällt, ohne dokumentarisch zu wirken; der Film lässt lediglich schmückenden Schnickschnack weg und konzentriert sich auf das Wesentliche: Die Kamera bleibt dicht an den Protagonisten. Der Verzicht auf jegliche Filmmusik unterstützt die Wahrhaftigkeit des Films, der dennoch Momente von großer Spannung auffährt. Einige Szenen animieren zum Fingernägelkauen und mitzittern, doch die Spannung ist immersiv – sie wird nicht durch eine künstliche Dramaturgie aufgebauscht, sondern ergibt sich ganz von selbst: Wann immer Theo sich im selben Bildausschnitt mit einer Frau befindet, entsteht latente Gefahr. Dabei gelingt es Der freie Wille, dass wir uns genauso um die Frau sorgen wie um Theo.

Handlung:

Theo, ein Vergewaltiger, kommt nach 9 Jahren aus dem Maßregelvollzug. Seine Angst vor Frauen und die damit verbundene unerfüllte Sehnsucht machen sein Leben in der Normalität zu einem Martyrium. Nettie schafft es mit 27 Jahren endlich, sich von ihrem Vater zu lösen, der sie ihr ganzes Leben lang psychisch missbraucht hat. Theo und Nettie begegnen sich. Als sie anfangen, sich zu lieben, beginnt ihre gemeinsame Reise an die Grenzen des freien Willens.

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Foto von Tom Schünemann

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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