Rebecca ist der erste Film aus Alfred Hitchcocks amerikanischer Schaffensphase. Das finstere Melodram basiert auf einem Roman von Daphne du Maurier und verbindet psychologische Spannung mit Elementen des Schauerromans. Hitchcocks Film über den Konflikt zwischen einer lebenden und einer toten Frau erhielt elf Oscar-Nominierungen und gewann die Auszeichnung für den besten Film.

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Filmkritik:

1938 gelang es dem einflussreichen Produzenten David O. Selznick, Alfred Hitchcock mit einem langfristigen Vertrag nach Hollywood zu holen. Ursprünglich sollte der britische Regisseur einen Film über den Untergang der Titanic realisieren, doch dann überzeugte Hitchcock seinen neuen Produzenten von Rebecca.

In der Exposition beweist Hitchcock schon 15 Jahre vor Über den Dächern von Nizza, dass er auch romantische Komödien inszenieren kann. Das Kennenlernen zwischen dem steinreichen Maxim de Winter und einem namenlosen Dienstmädchen verläuft überraschend vergnüglich und endet mit einer Heirat, die den Hauptteil einleitet.

Mit der Heiterkeit ist es vorbei, wenn die Jungvermählten die französische Riviera verlassen und sich auf den feudalen britischen Landsitz Manderley zurückziehen. Das Luxusleben überfordern die neue Mrs. de Winter, aber vor allem leidet die schüchterne Frau unter dem Vergleich mit der ersten, bei einem Unglück verstorbenen Ehefrau ihres Mannes. Als der Druck immer mehr zunimmt, droht die junge Frau an ihrer übermächtigen Vorgängerin zu zerbrechen.

Du Mauriers 1938 veröffentlichter Roman wirkte bereits zum Zeitpunkt seiner Entstehung altmodisch. Hitchcock konstatierte, der Stoff habe keinen Funken Humor, doch seine Änderungen am Drehbuch kassierte der kontrollversessene Selznick umgehend – Hitchcock möge sich doch bitte an den Roman halten, der sei schließlich erfolgreich gewesen.

Ohne diese gestalterische Freiheit musste sich Hitchcock mit einer schlecht austarierten Genremischung herumschlagen. Die Romanze und das Melodram bekommt er noch unter einen Hut, wenn der Film dann im letzten Drittel auch noch in Richtung Krimi umschwenkt, verkommt das Ergebnis zum Stückwerk. Der daraus resultierende Spannungsabfall lässt das Finale mau erscheinen und verlängert die Laufzeit auf unnötige 130 Minuten.

Kaum auszudenken, welches Fiasko Rebecca unter einem durchschnittlichen Regisseur hätte werden können; doch die inszenatorische Klasse von Alfred Hitchcock fördert die Qualitäten des Stoffes zutage. Obwohl Rebecca auf dem Papier den Erhalt der Ehe von Maxim de Winter und seiner Ehefrau verhandelt, konzentriert sich Hitchcock auf die psychologische Spannung, die aus dem Zweikampf zwischen der Protagonistin und der Toten entsteht.

Wie der Filmtitel schon andeutet, ist Rebecca die wichtigste Figur des Films, obwohl sie nie zu sehen ist. Noch aus dem Jenseits heraus dominiert sie das Geschehen. Ihr unsichtbares Wirken erinnert an die Schauerliteratur des 18. Jahrhunderts, aus der sich Roman und Film einige Elemente entleihen. So wirkt Manderley wie ein Mausoleum: Nach wie vor ist der Landsitz übersät mit Rebeccas Insignien, ihre ehemaligen Räume im Haus dürfen nicht betreten werden.

Der Geist der Verstorbenen scheint nach wie vor in den Gängen zu schweben und stellt seine Autorität in verschiedenen Manifestationen unter Beweis. Latent in Form des stets aufgewühlten Meeres, zuschlagender Fenster oder sich bewegender Vorhänge; konkret in Gestalt der gruseligen Haushälterin Mrs. Danvers. Die strenge Frau wirkt wie eine Marionette ihrer ehemaligen Herrin – sie vertritt Rebeccas Interessen über den Tod hinaus und erscheint regelmäßig aus dem Nichts.

Kein Wunder also, dass die neue Mrs. de Winter in eine depressive Stimmung abgleitet. Joan Fontaine spielt diese Frau überragend und trägt den Film. Die erstklassige Leistung der Hauptdarstellerin trieb Alfred Hitchcock auf die Spitze, indem er einmal mehr Psychospielchen anwandte. Der Regisseur vermittelte Fontaine den Eindruck, sie sei beim gesamten Team unbeliebt, um eine größere Niedergeschlagenheit in ihr Spiel zu bringen.

Fontaines Darstellung ist auch deshalb so wichtig, weil die Figurenzeichnung der namenlosen Protagonistin schlicht ausfällt. Dafür ist der Film reich an Andeutungen und behält einige Mysterien für sich. So ist die Beziehung zwischen den frisch vermählten Eheleuten herzlich, aber bar jeder Erotik.

Dies legt den Gedanken nahe, dass der deprimierte de Winter keine neue Ehefrau, sondern lediglich eine Kameradin  – oder vielleicht sogar einen Ersatz für die nie gezeugte Tochter – suchte. Demzufolge wäre die Ehe nie vollzogen worden und die neue Mrs. de Winter noch Jungfrau – ein klassisches Figurenmerkmal im Horrorfilm, dessen Elemente Rebecca ohnehin benutzt.

Neben dem Oscar als Bester Film – der nicht an Hitchcock, sondern Produzent Selznick ging – gewann Rebecca auch einen Goldjungen für die beste Schwarz-Weiß-Kamera. Die visuelle Ebene zählt zu den größten Stärken des Films. Kameramann George Barnes entwirft gemäldeartige Innenansichten des toten Anwesens und nutzt dabei eine große Tiefenschärfe, was ein Jahr vor Citizen Kane noch ungewöhnlich war. Bemerkenswert ist auch die ausdrucksstarke, aber nie zu offensichtliche Lichtsetzung.

Mit temporeichen Thrillern wie Der unsichtbare Dritte, die der Regisseur in den Folgejahren drehen sollte, hat Rebecca wenig gemein. Die Buchadaption wirkt noch durch und durch britisch. Trotz einiger Makel bei Tempo und Dramaturgie ist Hitchcocks erster amerikanischer Film jedoch gelungen: Die schwermütige Stimmung und das ausgezeichnete Handwerk aller Beteiligten sorgen für ein lohnenswertes Filmerlebnis.

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DER REGISSEUR

Alfred Hitchcock ist wohl der bekannteste Regisseur der Welt. Diesen Ruf erwarb sich der Brite mit einer cleveren Selbstvermarktung, aber auch durch unzählige Meisterwerke. Im Lauf seiner 50-jährigen Karriere sicherte sich Hitchcock eine größtmögliche künstlerische Freiheit und schuf dank seiner handwerklichen Brillanz fesselnde Krimis und Thriller, die ihm den Beinamen „Master Of Suspense“ einbrachten.

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Der Dramabegriff dient als Auffangbecken für Filme, die sich keinem spezifischerem Genre zuordnen lassen. Dementsprechend viele Schattierungen ergeben sich: vom Sozial- über das Gesellschaftsdrama, das Melodram und die Tragikomödie. Die Gemeinsamkeiten dieser Subgenres liegen in realistischen, konfliktreichen Szenarien und einer Konzentration auf die Figuren.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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