Im Gesamtwerk von Alfred Hitchcock zählt Über den Dächern von Nizza zu den eher untypischen Arbeiten. Der Plot mag wie aus einem konventionellen Kriminalfilm stammen, tatsächlich rückt Hitchcocks Werk jedoch die erotische Spannung zwischen den Hauptfiguren in den Mittelpunkt.

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Filmkritik:

In seinem Kern weist der Film einmal mehr Hitchcocks Lieblingssujet vom unschuldig Verfolgten auf: Hier gerät der von Cary Grant gespielte Profi-Einbrecher John Robie ins Visier der Polizei, obwohl er sich längst an der Cote d’Azur zur Ruhe gesetzt hatte – ein anderer Dieb imitiert Robies Arbeitsweise. Der Privatier muss nun wieder aktiv werden und den Nachmacher dingfest machen, bevor die Polizei ihn selbst ins Kittchen sperrt.

Als Kriminalfilm enttäuscht Über den Dächern von Nizza. Der Plot entwickelt sich über weite Strecken der Spielzeit kaum weiter, spannende Höhepunkte bleiben aus, die Auflösung verläuft unspektakulär. Doch das ist nicht besonders tragisch, denn die Kriminalgeschichte erweist sich als bloßes Fundament für eine Auseinandersetzung ganz anderer Art.

Während Robie lediglich den Dieb entlarven und wieder seinen Ruhestand genießen will, involvieren sich zwei heiratswillige Frauen ins Geschehen, die ein Auge auf den gut aussehenden amerikanischen Gentleman geworfen haben. Nun verliert Robie erst recht die Kontrolle über sein zuvor beschauliches Leben.

Obwohl Hitchcocks Oeuvre von schwarzem Humor durchzogen ist, schlugen dessen komödiantische Arbeiten nicht richtig ein. Sowohl Mr. und Mrs. Smith als auch Immer Ärger mit Harry fehlt es Schwung und Esprit, doch auf dem vertrauten Terrain eines Krimis läuft der britische Regisseur jedoch überraschend zur Hochform auf. Über den Dächern von Nizza erweist sich als leichtfüßig und stellt Hitchcocks „offizielle“ Komödien locker in den Schatten.

Einen großen Anteil daran haben auch die Darsteller, die die Marotten des menschlich schwierigen und handwerklich fordernden Regisseurs bereits kannten. Zum dritten Mal in Folge besetzte Hitchcock Grace Kelly (zuvor in Bei Anruf: Mord und Das Fenster zum Hof) und auch mit Cary Grant hatte der Brite bereits in Verdacht und Berüchtigt zusammengearbeitet. Insbesondere Kellys erhabene Ausstrahlung spielte für den Regisseur eine wichtige Rolle, weil sie ihren Sexappeal nicht wie viele andere Schauspielerinnen offen zur Schau stellte und damit Hitchcock die Möglichkeit gab, dieses Element gezielter einzusetzen.

Obwohl Über den Dächern von Nizza während Hitchcocks amerikanischer Phase bei Paramount entstand, konnte er alle Außenaufnahmen an Originalschauplätzen in Europa drehen. Die malerische Cote d’Azur in Technicolor verkörpert eine europäische Sinnlichkeit, die für einen Film voll unterschwelligem Sex wie geschaffen ist.

Das Drehbuch serviert unzählige Szenen voller frivoler Dialoge und sexueller Untertöne, die sich gewitzt unter den Beschränkungen des Hays Code wegducken. Wenn die flirtende Grace Kelly der Figur von Cary Grant beim Picknick „Brust oder Schenkel“ anbietet – vom mitgebrachten Hühnchen natürlich -, und später „die beste Aussicht der Riviera“ – wegen des Feuerwerks! -, dann entsteht eine knisternde Spannung, die wir so vom Master Of Suspense noch nicht kannten. Diese kommt vor allem im Originalton zur Geltung, die deutsche Synchronisation entschärft leider einige Dialoge.

Über den Dächern von Nizza mag im Vergleich zu vielen anderen Arbeiten Hitchcocks einfach gestrickt sein und statt großem Kino lediglich amüsante Leichtigkeit bieten, doch das Anschauen der romantischen Komödie lohnt sich schon deshalb, um mal eine andere Nuance im Schaffen des britischen Ausnahmeregisseurs zu entdecken.

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DER REGISSEUR

Alfred Hitchcock ist wohl der bekannteste Regisseur der Welt. Diesen Ruf erwarb sich der Brite mit einer cleveren Selbstvermarktung, aber auch durch unzählige Meisterwerke. Im Lauf seiner 50-jährigen Karriere sicherte sich Hitchcock eine größtmögliche künstlerische Freiheit und schuf dank seiner handwerklichen Brillanz fesselnde Krimis und Thriller, die ihm den Beinamen „Master Of Suspense“ einbrachten.

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Der Kriminalfilm zählt aufgrund unterschiedlichster Ausprägungen zu den breitesten Genres. Die sogenannten Whodunnits beschäftigen sich mit der Täterfindung in einem einzelnen Fall; ebenso zählen die fatalistischen Detektivgeschichten des Film Noir zum Genre. Nicht zu vergessen sind Werke aus der gegensätzlichen Perspektive: Die Heist- und Gangsterfilme machen einen wesentlichen Teil des Krimigenres aus.

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Tom Schünemann

Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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