Das Testament des Dr. Mabuse

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Filmkritik:

1933 drehte Fritz Lang mit Das Testament des Dr. Mabuse den zweiten Teil der Mabuse-Trilogie. Im Gegensatz zum 270-minütigen Stummfilm-Vorgänger Dr. Mabuse, der Spieler handelt es sich beim zweiten Teil um einen modernen Tonfilm mit einer Laufzeit von zwei Stunden. Wie so oft erreicht die Fortsetzung nicht ganz die Qualität des ersten Teils, entwickelt jedoch die Motive konsequent weiter und bietet daher eine lohnende Filmerfahrung.

Die elfjährige Pause zwischen den beiden Filmen fließt in den Plot mit ein, der ein Jahrzehnt nach den Ereignissen des Vorgängers spielt. Erneut sorgt eine Verbrechenswelle für Aufsehen und erinnert frappierend an die sorgsam geplanten Taten Mabuses. Doch der sitzt seit dem Finale des ersten Teils geistig umnachtet und nahezu katatonisch in einer psychiatrischen Haftanstalt. Was geht da vor?

Mit dieser Ausgangssituation verkehrt Das Testament des Dr. Mabuse die Erzählstrategie des Vorgängers geschickt ins Gegenteil. Wo Dr. Mabuse, der Spieler das perfide Vorgehen des Schurken ausführlich dokumentierte, bleibt die Planung der Verbrechen im zweiten Teil im Verborgenen. Immer wieder deutet der Film eine Beteiligung Mabuses an, liefert jedoch keine weiterführenden Hinweise. Das sorgt für einen unvorhersehbaren Plot mit hohem Mystery-Faktor und omnipräsentem Suspense.

Als Clou erweist sich dabei, dass Mabuse in der Fortsetzung selten zu sehen ist. Durch die Abwesenheit des Superverbrechers verliert der Film zwar seine stärkste und spannendste Figur, er füllt dieses Vakuum jedoch, indem er geschickt mit dem überlebensgroßen Bild des Bösewichts spielt. Wer den ersten Teil gesehen hat und sich an die übernatürlichen Fähigkeiten Mabuses erinnert, spürt dessen drohenden Geist über die gesamte Spielzeit der Fortsetzung. Der Bösewicht mag von der Welt ausgesperrt sein, doch das macht ihn noch gefährlicher. Nicht länger an Körper und Raum gebunden, durchdringt Mabuses geniale Bösartigkeit die Welt wie Radioaktivität und verbreitet sich wie ein Fieber.

Seine Verbrecherorganisation bekommt im Gegensatz zum ersten Teil gleich zwei Heldenfiguren als Gegenspieler. Ein Gangster, der wegen einer Frau aus der Bande aussteigt, wird zur Bedrohung von innen; der Berliner Kommissar Lohmann ermittelt hingegen von außen. Damit erhält Lohmann seinen zweiten Auftritt in einem Werk von Fritz Lang. Der von Otto Wernicke unnachahmlich gespielte Beamte arbeitete bereits zwei Jahre zuvor in M – Eine Stadt sucht einen Mörder an der Verhaftung eines pathologischen Kindermörders.

Das Testament des Dr. Mabuse sollte der vorerst letzte deutsche Film von Fritz Lang werden. Nachdem Reichspropagandaminister Goebbels versuchte, den Regisseur für das Naziregime einzuspannen, entschied sich Lang für die Emigration. Er setzte seine Karriere in den Vereinigten Staaten fort und drehte aufgrund der Einschränkungen durch das Studiosystem keine großen Meisterwerke mehr, realisierte jedoch einige feine Genrefilme wie Ministerium der Angst oder Heißes Eisen.

Goebbels‘ Annäherungsversuche stellten wohl auch einen Versuch dar, den nicht mit den Nazis sympathisierenden Regisseur einzufangen, denn Das Testament des Dr. Mabuse wies aus Regimesicht bedenkliche Tendenzen auf. Das Drehbuch legt den Schurken Parolen der NS-Führung in den Mund und offenbart im Gegensatz zum ersten Teil Gemeinsamkeiten zwischen Mabuse und Adolf Hitler. Unter der fadenscheinigen Behauptung, der Film könne zum Terrorismus aufwiegeln, zog Goebbels ihn noch vor der Uraufführung aus dem Verkehr.

Die deutschen Kinozuschauer verpassten damit einen großartigen Mysterykrimi, der auch handwerklich überzeugt. Wie nur wenige Regisseure dieser Zeit verstand es Fritz Lang, die neue Tonebene dramaturgisch einzusetzen, wie schon die Eröffnungssequenz beweist. Lang zeigt einen kurz vor der Entdeckung stehenden Spitzel in einer Industrieanlage Mabuses und verzichtet dabei minutenlang auf Dialoge; stattdessen unterlegt das beklemmende Dröhnen der Anlagen das Geschehen und sorgt dadurch für eine intensive Spannung. Wie schon in M – Eine Stadt sucht einen Mörder nutzt Lang auch wieder den Tonschnitt, um Szenen miteinander zu verbinden.

Allein aufgrund des deutlich schmaleren Umfangs und der konventionelleren Aufmachung erreicht der zweite Teil der Trilogie nicht die Qualität von Dr. Mabuse, der Spieler. Wie Lang dessen Geschichte in Das Testament des Dr. Mabuse fortführt und verfeinert, ist trotzdem aller Ehren wert. Die körperliche Präsenz des Verbrechergenies mag fehlen, die fantastischen Plotideen und die effektive Dramaturgie erheben Teil Zwei dennoch zu den besten Vertretern des frühen Tonfilms.

Seit kurzem ist Langs Werk als schönes Mediabook erhältlich.

Handlung:

Deutschland wird von Terroranschlägen und Morden heimgesucht, doch die Polizei kommt mit ihren Ermittlungen nicht voran. Doch dann entdeckt Kommissar Lohmann Spuren, die ihn stutzig werden lassen: Alles deutet auf das wahnsinnig gewordene Verbrechergenie Dr. Mabuse hin! Doch wie kann dies sein? Mabuse befindet sich doch in einer psychiatrischen Anstalt. Lohmann steht vor einem schier unlösbaren Fall …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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