Filmkritik:

Der Mann mit der Narbe ist ein B-Movie aus Leidenschaft – der günstig produzierte Film Noir schert sich nicht um Plausibilität oder eine ausgefeilte Figurenzeichnung, sondern richtet sich auf den größtmöglichen Effekt aus. Daraus resultiert ein herrlich abstruser Plot, der für gute Unterhaltung sorgt.

Zu Beginn serviert der Film von Steve Sekely einen fetzigen Raubüberfall. Das Verbrechen gelingt zwar, erweist sich dennoch als fatal für alle Beteiligten: Das gestohlene Geld gehörte der Mafia, die zur Jagd auf die Diebe bläst und schnell Erfolg damit hat. Nur der Drahtzieher des Überfalls bleibt übrig – es ist die Hauptfigur des Films.

Die Flucht des von Paul Henreid gespielten Antihelden endet in einer Kleinstadt, wo sich der Schurke eine falsche Existenz aufbaut, um den Killern der Mafia zu entgehen. Die Tarnidentität mag Henreids Figur Sicherheit geben, beschränkt sie jedoch auch wesentlich: Weder darf der Gangster das erbeutete Geld ausgeben, noch seine Skrupellosigkeit ausspielen.

Früher wählte er den leichten Weg und erzwang sein Glück, nun muss er sich zu seinem Leidwesen (und dem Amüsement von uns Zuschauern) in Demut üben und bei Konflikten auch mal zurückstecken. Dass dies nicht lange gut gehen kann, wird schnell offenkundig, doch dann lernt der Kriminelle einen Psychologen kennen, der haargenau aussieht wie er. Eine perfekte Gelegenheit, um seine gefährliche Vergangenheit hinter sich zu lassen und etwaige Verfolger abzuschütteln!

Ab diesem Zeitpunkt gibt sich Der Mann mit der Narbe ganz seinem Status als B-Movie hin und stürzt sich mit Wonne in die vielen Doppelgängermotive und Identitätsfragen, an denen Hitchcock seine reine Freude gehabt hätte. Allerdings lässt der Film jeglichen glaubwürdigen Unterbau außen vor: Figurenzeichnung und psychologische Aspekte werden ebenso missachtet wie jegliche Kohärenz. Das Drehbuch besteht aus einer Ansammlung von Zufällen, unglücklichen Verwicklungen und gebrechlichen Plotelementen. Folgerichtig können wir das Geschehen kaum ernst nehmen, dennoch funktioniert der Film Noir erstaunlich gut – das Tempo und der Unterhaltungswert verlaufen auf hohem Niveau.

Im Finale pfeift Der Mann mit der Narbe dann endgültig auf Konventionen und geht das Risiko ein, uns Zuschauer zu brüskieren. Wir erwarten zwar die typische Fatalität der Schwarzen Serie, das Ende kommt jedoch plötzlich und grob. Wo schlechte Drehbücher gerne mal auf einen deus ex machina setzen, also ihren Helden im letzten Moment ein rettendes Element zuführen, verkehrt Der Mann mit der Narbe dieses Prinzip ins Gegenteil. Der Film nutzt einen unmöglichen Zufall – einen diabolus ex machina gewissermaßen – um seinem Protagonisten das Handwerk zu legen; ein so abstruser wie gewitzter Schachzug.

Zu den Referenzwerken der Strömung zählt Sekelys Werk sicherlich nicht, da visuelle Höhepunkte ausbleiben und der die Plotkonstruktion vollkommen hanebüchen verläuft. Da dies jedoch mit Methode verläuft und die unorthodoxe Erzählweise einigen Charme erzeugt, liefert Der Mann mit der Narbe launige Unterhaltung und bleibt als unkonventionelles Kleinod in Erinnerung.

Handlung:

Gerade aus dem Gefängnis entlassen, verübt der hartgesottene gangster John Muller direkt das nächste Verbrechen: Zusammen mit einigen Komplizen raubt er ein illegales Spielcasino aus. Das lässt die Mafia nicht auf sich sitzen und bläst zur Jagd auf die Diebe. Muller kommt in einer beschaulichen Kleinstadt unter und lernt den Arzt Dr. Bartok kennen, der ihm fast bis aufs Haar gleicht. Das ist die Chance für den Gangster – wenn er die Identität des Arztes annehmen könnte, wäre er endgültig in Sicherheit …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.