1927 erschien der erste Gangsterfilm der Kinogeschichte: Unterwelt spielt sich komplett im Milieu von Berufsverbrechern ab und begründete damit eine neue Spielart des Kriminalfilms. Der unerwartete Erfolg der Paramount-Produktion befeuerte zudem zwei große Hollywoodkarrieren.

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Filmkritik:

Der Stummfilm erzählt von der Freundschaft zweier Männer: Aus einer Laune heraus spendet der Gangster Bull Weed einem alkoholabhängigen Obdachlosen eine beträchtliche Summe. Der sieht kurz darauf aus wie ein Gentleman, entpuppt sich als gerissener Ex-Anwalt und steigt unter dem Spitznamen Rolls Royce zur rechten Hand der Organisation auf. Doch als es zwischen ihm und der Freundin seines Bosses funkt, bahnt sich ein Dilemma an …

Unterwelt war alles andere als eine Prestigeproduktion der Paramount: Das Studio setzte keine großen Stars ein und verzichtete auf Marketing. Nach einer läppischen Drehzeit von fünf Wochen lief der Film nur in einem einzigen Kino an – um 10 Uhr vormittags, damit kein Kritiker sich hinein verirrte. Gegen alle Erwartungen avancierte Unterwelt zum Überraschungserfolg und gewann sogar einen Oscar bei der ersten Verleihung im Jahr 1929.

Der Goldjunge ging an Ben Hecht – heute längst als Drehbuchlegende bekannt, damals lediglich ein Ex-Journalist ohne Filmerfahrung. Dank Unterwelt stieg Hecht zu einem der gefragtesten Autoren Hollywoods auf, arbeitete mit den größten Regisseuren seiner Ära zusammen und brillierte quer über alle Genregrenzen. Er prägte Klassiker wie Scarface, Das Ding aus einer anderen Welt, Ringo sowie Hitchcocks Das Rettungsboot und Cocktail für eine Leiche.

Auch Regisseur Josef von Sternberg konnte sich mit Unterwelt einen Namen machen. Der junge Österreicher war bei MGM aussortiert worden, Paramount engagierte ihn zunächst nur als Assistent Director. Weil von Sternberg sofort einen guten Eindruck machte, bekam er Unterwelt als erste Regiearbeit zugewiesen. Der große Erfolg ermöglichte dem Filmemacher eine glänzende Karriere, die vor allem durch die sieben Arbeiten mit Marlene Dietrich geprägt wurde.

Mit seinen Melodramen erarbeitete sich von Sternberg einen Ruf als führender Poet Hollywoods. Ähnlich wie die Vertreter des Poetischen Realismus, der zeitgleich in Frankreich entstand, interessierte sich der Regisseur nicht für die Abbildung der wirklichen Welt. Seine Werke übersteigern und verdichten die Realität, lösen Emotionen und Stimmungen heraus und bilden daraus magische Leinwanduniversen.

Diese Herangehensweise kollidierte mit der ganz in der Wirklichkeit verhafteten Story von Ben Hecht, dessen Biss gerade durch größtmögliche Direktheit entsteht. Folgerichtig zeigte sich Hecht alles andere als einverstanden mit den Änderungen an seinem Skript und versuchte erfolglos, seinen Namen streichen zu lassen.

Der Oscargewinn dürfte ihn ebenso versöhnt haben wie die folgende Zusammenarbeit mit Howard Hawks, der Hechts Drehbuch zu Scarface so realistisch und furios umsetzte, wie es sich der Autor schon bei Unterwelt gewünscht hatte. Dabei profitierte Hawks‘ Film sichtlich von Hechts Vorerfahrung, die sich in einigen Reminiszenzen ausdrückt: Der berühmte Leuchtreklame-Slogan „The World is Yours“ taucht bereits als „The City is Yours“ in Unterwelt auf, auch die finale Shootouts gleichen einander.

Scarface erschien 1932, stieg zur Referenz des jungen Genres auf und bildete mit den im Jahr zuvor erschienenen Vertretern Der kleine Cäsar und Der öffentliche Feind ein Triumvirat. Die drei Werke prägten den Gangsterfilm durch ihren rauen Tonfall und legten dessen motivistische Anlagen fest, indem sie Gangster als Produkt und Spiegel der Gesellschaft auswiesen.

Solche soziologischen Betrachtungen haben in von Sternbergs poetischem Film keinen Platz. Unterwelt nähert sich dem Gangsterleben deutlich romantischer und zeichnet Bull Weed als sympathischen Selfmademan, den nicht die Gier, sondern das Freiheitsideal eines modernen Piraten antreibt. Den einzigen Überfall des Films unternimmt er nur, um seiner Liebsten die erbeutete Halskette zu schenken. George Bancroft spielt den Gangster wunderbar jovial und mit einem raumgreifenden Lachen, das wir – Stummfilm hin oder her – förmlich hören können.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der in einem so unmoralischen Milieu spielende Film sein Geschichte auf Moralfragen aufbaut. Für Rolls Royce und Feathers gebietet es der Ehrenkodex, ihren Boss/Liebhaber nicht zu betrügen; dessen Tun fußt wiederum auf bedingungslosem Vertrauen gegenüber den beiden.

Wie in den Gangsterfilmen von Jean-Pierre Melville scheitern die Protagonisten nicht, weil sie mit ihrer Moral brechen, sondern gerade deshalb, weil sie ihren Ethos trotz widrigster Umstände aufrechterhalten. Daraus entsteht ein Fatalismus, der Unterwelt eine große Spannung verleiht; das hohe Tempo und den Gewaltgrad nachfolgender Gangsterfilme braucht es da nicht.

Außerdem ist deutlich zu spüren, dass es sich bei von Sternbergs Debüt um einen späten Stummfilm handelt, dessen Vortragsweise deutlich moderner ausfällt als bei älteren Werken. Insbesondere die ersten 40 Minuten imponieren: In seinem schnörkellosen, pointierten Stil treibt Hecht die Figurenentwicklung stetig weiter voran, nebenbei verleiht der Autor vielen Szenen über kleine Konflikte eine Binnenspannung, die Unterwelt einen hohen Unterhaltungswert beschert.

Aufgrund des knappen Budgets konnte von Sternberg keine großen Schauwerte auffahren, doch durch eine stimmungsvolle Inszenierung entwickelt Unterwelt trotzdem eine dramatische Wirkung. Dafür benutzte der Regisseur eine expressive Bildsprache, die mit ihren harten Kontrasten den Film Noir vorwegnahm. Wir finden hier bereits charakteristische Bestandteile der Schwarzen Serie: Jalousien und Gitterstäbe werfen lange Schatten, schwarze Silhouetten erscheinen in Türrahmen, Gesichter bleiben im Dunkeln.

Das ausdrucksstarke Chiaroscuro passt hervorragend zur verdichteten Handlung des Films, der visuelle und erzählerische Übersteigerungen zu einer poetischen Einheit formt. Damit prägte Unterwelt die Ära des Gangsterfilms und beeindruckte Regiegrößen wie Marcel Carné und Luis Buñuel, die von Sternbergs Paramount-Debüt zu ihren Lieblingsfilmen zählten.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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