Ringo

Ein Film von John Ford

Genre: Western

 

 | Erscheinungsjahr: 1939

 | Jahrzehnt: 1930 - 1939

 | Produktionsland: USA

 

John Fords Ringo markiert die Geburtsstunde des modernen Westerns. 1939 setzte der Film dramaturgische und narrative Standards, verhalf John Wayne zum Durchbruch und reanimierte das im Niedergang begriffene Genre.

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Filmkritik:

Der alte deutsche Kinotitel Höllenfahrt nach Santa Fe irrt zwar hinsichtlich des Zielortes – die Reise geht nach Lordsburg -, bringt das zentrale Motiv des Films jedoch gut auf den Punkt. Fords Werk versammelt ein halbes Dutzend bunt zusammengewürfelter Figuren, die gemeinsam eine Reise per Postkutsche antreten. Während der mehrtägigen Fahrt kommt es zu allerhand Zwischenfällen, von denen das Auftauchen eines entflohenden Mörders und ein auf dem Kriegspfad befindlicher Indianerstamm nur die Spitze des Eisbergs darstellen.

Heute gilt John Ford als der Western-Regisseur schlechthin, doch vor Ringo besaß er diesen Ruf noch nicht. Seit der eine Dekade zurückliegenden Stummfilmära hatte Ford keinen Western mehr gedreht. Das ist kein Zufall, denn in den Dreißiger Jahren erfreute sich das Genre nur geringer Beliebtheit und bestand lediglich aus B-Movies voller Schießbudenfiguren und billiger Action.

Im Gegensatz zu diesen Studio-Western fing John Ford die amerikanischen Weiten an Originalschauplätzen ein. Dafür griff der Regisseur erstmals auf einen unberührten Landstrich zurück, der später als Monument Valley in die Kinogeschichte einging. Die beeindruckenden Kulissen entwickelten sich zum Fixpunkt für John Ford, der für seine späteren Western immer wieder auf die markante Gegend zwischen Utah und Arizona zurückgriff.

Inmitten der traumhaften Landschaft inszeniert der Regisseur ein Road-Movie: In abwechslungsreichen Episoden müssen die Protagonisten eine Reihe von Prüfungen und Abenteuern über sich ergehen lassen. Dabei gelingt es dem Drehbuch wunderbar, Tempo und Tonfall zu variieren. Die rasanten Actionszenen bleiben aufgrund der halsbrecherischen Stunts in Erinnerung und sorgen für einen hohen Unterhaltungswert.

Der spannendste Teil des Films spielt sich allerdings nicht in der Weite der Landschaftspanoramen, sondern in der Enge der Postkutsche ab. Hier sind ein halbes Dutzend prototypische Protagonisten versammelt, die Stellvertreter für ihre Bevölkerungsschichten abgeben. Das beengte Zusammensein einander unsympathischer Menschen führt zwangsläufig zu Disputen. In diesen Momenten nutzt Ringo die Konventionen herkömmlicher Western-Abenteuer, um über die Gesellschaft nachzudenken.

Zu Beginn sind die Fronten klar verteilt – eine junge Frau aus gutem Haus und ein Bankier sehen sich einer Prostituierten und einem zwielichtigen Spieler gegenüber. Als Puffer agieren ein alkoholsüchtiger Arzt und ein Vertreter für Spirituosen. Wenn dann noch John Wayne als flüchtiger Mörder dazustößt, brechen die gesellschaftlichen Unterschiede vollends auf.

Im Schmelztiegel der ständigen Gefahr entblößen die Protagonisten nach und nach ihre Vorurteile und Wertesysteme. Ford sympathisiert eindeutig mit den Vertretern der unteren Schichten: Ausgerechnet der angebliche Mörder tritt für Gerechtigkeit und Gemeinschaft ein, der Glücksspieler besitzt mehr Ehre als der Bankier und die Hure mehr Herz als die feine Dame. Weder diese Psychologisierung noch die gesellschaftskritischen Subtexte hatte es im Western zuvor gegeben.

Neben Fords Gespür für die Landschaft und dem abwechslungsreichen Drehbuch trägt vor allem John Wayne den Film. Sein Potenzial hatte der Ex-Statist bereits 1930 in Raoul Walshs Der große Treck angedeutet, dabei allerdings noch etwas ungelenk gewirkt. Da Walshs Film trotz seiner Schauwerte an den Kinokassen floppte, musste Wayne jahrelang durch B-Movies tingeln.

John Ford stellte den künftigen Star trotzdem ins Zentrum von Ringo, was ihm Wayne mit einer souveränen Leistung dankte. Für den Hauptdarsteller bedeutete der Auftritt den endgültigen Durchbruch. Nachdem Ford und Wayne zusammen ein ganzes Genre vor der Bedeutungslosigkeit gerettet hatten, drehten die beiden satte 24 Filme zusammen. Nicht nur Ringo, sondern auch Der schwarze Falke oder Der Mann, der Liberty Valance erschoss zählen inzwischen fest zum Western-Kanon.

★★★★☆☆

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1930 – 1939

In den Dreißiger Jahren setzte sich der Tonfilm endgültig durch. In den USA brach die Ära des klassischen Hollywood an. In Frankreich entstand eine der einflussreichsten Strömungen der Kinogeschichte: Der Poetische Realismus. Der drohende Weltkrieg sorgte in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts für eine Auswanderungswelle europäischer Filmschaffender, was die Vormachtstellung Hollywoods zementierte.

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