Der große Treck erschien 1930 als erster großer Western der Tonfilmära. Das Werk von Raoul Walsh beeindruckt mit enormem Aufwand, spannenden filmhistorischen Details und der größten Ikone des Genres, die hier ihre erste Hauptrolle spielte.

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Filmkritik:

Der Film schildert die abenteuerliche Reise von Siedlern, die mit ihren Planwagen durch den unerschlossenen, wortwörtlich Wilden Westen reisen. Ursprünglich planten die Produzenten für die Rolle des Trappers, der die Siedler anführt, mit Gary Cooper. Als dieser ablehnte, empfahl Westernlegende John Ford seinem Freund Raoul Walsh den bis dato unbekannten Statisten Marion Morrison. Walsh engagierte den aufstrebenden Jungdarsteller nach einigen Probeaufnahmen, verpasste ihm jedoch einen Künstlernamen: John Wayne.

Im Zentrum von Der große Treck steht allerdings nicht der Hauptdarsteller, sondern der schiere Produktionsaufwand. Dank des für damalige Verhältnisse astronomischen Budgets von 2 Millionen Dollar drehte 20th Century Fox nicht im Studio, sondern an Originalschauplätzen. Den titelgebenden großen Treck bildeten die Produktionsdesigner eins zu eins nach: Unglaubliche 20.000 Komparsen, 185 Planwagen, 1.800 Rinder sowie 1.400 Pferde wurden eingesetzt. Der enorme Aufwand ist dem Film in jeder Szene anzusehen – überall wuseln Menschen und Tiere durch das Bild und bilden eine eindrucksvolle, lebendige Kulisse, die für viel Atmosphäre und einen realistischen Anstrich sorgt.

Auch den berühmt-berüchtigten Wahnsinn von Regisseur Werner Herzog, der für Fitzcarraldo ein Schiff über einen Berg transportieren ließ, anstatt auf Spezialeffekte zu setzen, nahm Der große Treck vorweg: In halsbrecherischen Szenen ließ Raoul Walsh Mensch und Tier durch reißende Flüsse treiben oder filmte, wie Planwagen und Rinder von einer meterhohen Klippe abgeseilt werden.

Die Aufnahmen entfalten auch deshalb eine so spektakuläre Wirkung, weil der Regisseur es versteht, eine bahnbrechende technische Neuerung einzusetzen: Der Film diente der Erprobung des neu entwickelten Bildformats Fox Grandeur, wobei es sich um ein 70mm-Breitbild handelt, das erst 20 Jahre später in Hollywood zum Standard werden sollte. Dank der Breite entwirft Walsh wunderbare Panoramen, die die Weite des Landes wie in keinem Western zuvor abbilden und Der große Treck auch visuell zum ersten „großen“ Western der Kinogeschichte machen.

Aufgrund der erforderlichen Vorführbedingungen konnten lediglich drei Kinos die 70mm-Fassung zeigen, während alle anderen Lichtspielhäuser auf die gleichzeitig gedrehte Version in 4:3 zurückgreifen mussten, deren Bilder weitaus weniger beeindruckend aussehen; vielleicht entwickelte sich Walshs Werk auch deshalb zum Flop. Das Fox Grandeur-Format verschwand danach in der Versenkung.

Auch John Wayne musste beinahe ein Jahrzehnt auf seinen Durchbruch warten, der ihm erst 1939 durch John Fords Klassiker Ringo gelang. Waynes späteres Charisma lässt sich in Der große Treck bereits erahnen, das ungelenke Schauspiel des Hauptdarstellers offenbart hingegen Verbesserungspotenzial. Auch das Auftreten des restlichen Ensembles sowie zahlreiche überflüssige Texttafeln offenbaren, wie dicht sich Walshs Western noch an der Stummfilmzeit bewegt.

Die bisweilen etwas umständliche und langsame Erzählweise wirkt nicht mehr ganz zeitgemäß, der Film besitzt jedoch immerhin einen modernen Drehbuchaufbau mit inneren und äußeren Konflikten. Während Klima, Natur und Indianer den Treck von außen bedrohen, sucht Waynes Figur unter den Reisenden nach dem Mördern eines toten Freundes und macht gleichzeitig einer Frau den Hof, die nichts von ihm wissen will. Abgesehen von den reaktionären Untertönen der Rachegeschichte überzeugt Der große Treck mit abwechslungsreichen Episoden und kombiniert dramatische mit amüsanten Szenen. Da Walshs Werk noch vor der Einführung des Hays-Code gedreht wurde, liefert der Film sogar einige anzügliche Witze, die in späteren Western undenkbar gewesen wären.

Die Arbeit von Raoul Walsh wirkt immer mal wieder etwas altbacken, dank der großartigen Schauwerte und der vielfältigen Episoden bekommen Westernfans jedoch viel geboten. Wer sich für das Genre interessiert, findet in Der große Treck einen der wichtigsten Klassiker aus der Frühzeit des Westerns.

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DIE ÄRA

In den Dreißiger Jahren setzte sich der Tonfilm endgültig durch. In den USA brach die Ära des klassischen Hollywood an. In Frankreich entstand eine der einflussreichsten Strömungen der Kinogeschichte: Der Poetische Realismus. Der drohende Weltkrieg sorgte in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts für eine Auswanderungswelle europäischer Filmschaffender, was die Vormachtstellung Hollywoods zementierte.

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Der Western erreicht seine größte Popularität in den Fünfziger Jahren. Der Hang zum Reaktionären ließ das Genre dann zunehmend in eine Krise schlittern, bevor der Italowestern das Genre Mitte der Sechziger zur neuen Blüte trieb. Das gesellschaftskritische New Hollywood-Kino dekonstruierte den Western weiter. Heutzutage findet das Western-Setting sowohl für blutige Genrefilme als auch für Kunstfilme Verwendung.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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