Mit seinem zweiten Werk El Topo drehte der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky einen obskuren Kultfilm, der 1970 den Grundstein für das Aufkommen der Midnight Movies legte und auch fünfzig Jahre nach seiner Entstehung noch für Faszination sorgt.

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Filmkritik:

Obwohl El Topo von Anfang an einen derart verschrobenen Eindruck erweckt, dass niemand Jodorowskys Werk mit einem herkömmlichen (Italo)Western verwechseln würde, verläuft der Auftakt noch relativ geradlinig.

Das erste Drittel führt den von Jodorowsky selbst gespielten Protagonisten El Topo (deutsch: Der Maulwurf) ein, indem dieser auf umbarmherzige Weise eine Schar Outlaws tötet und sich anschließend im zweiten Drittel aufmacht, um das Duell mit vier unbesiegbaren Revolvermännern zu suchen.

Im Laufe dieser Mission wandelt sich El Topo zunehmend zum bedeutungsschwangeren Fantasy-Western. Der selbstsüchtige Antiheld kann zwar durch seine Schießkunst Wasser aus Felsen schießen, die Spiritualität seiner Gegner erhebt sie jedoch über die Waffengewalt El Topos, der daraufhin zu betrügerischen Tricks greift. Doch ohne hehre Grundsätze bleibt das Bestehen der Prüfungen wertlos. Als El Topos Begleiterinnen sein Scheitern erkennen, wenden sie sich gegen ihn und lassen ihn gemartert zurück.

In der zweiten Hälfte gibt El Topo seine episodenhafte Struktur auf und wandelt sich zur symbolgeladenen Gesellschaftssatire, in deren Mittelpunkt eine parabelhafte Westernstadt steht. Die Bürger des Ortes leben in einem konstanten Zustand der Doppelmoral: Obwohl sie sich anständig und ehrenhaft geben, frönen sie allen denkbaren Lastern, praktizieren die leeren Rituale einer bedeutungslosen Religion und begegnen jedem feindselig, der sie in ihrer Kleingeistigkeit stört. Auch El Topo taucht wieder auf, hat sich jedoch vom Saulus zum Paulus (oder treffender: vom Django zum Jesus) gewandelt.

Vor allem die Mundpropaganda verhalf dem damals nicht groß beworbenen Werk zu seinem Kultstatus und ließ ihn als erstes Midnight Movie in die Kinogeschichte eingehen. Der Ruf als Skandalfilm tat sicherlich sein Übriges, lässt sich jedoch auch heute noch problemlos nachvollziehen. Die Blutfontänen des Auftakts und der omnipräsente Nihilismus verleihen El Topo eine spezielle Stimmung.

Trotz der trostlosen Drehorte und den aus Müll zusammengestellten Kulissen entwickelt Jodorowsky eine eigentümliche Bildgewalt, die nicht aus Schauwerten, sondern einem superben Gefühl für Inszenierung und Wirkung entsteht. Gerade die ständig spürbare Unvollkommenheit von El Topo sorgt für das gewisse Etwas.

Deutlich weniger überzeugt Jodorowskys schwurbelige Mischung aus Magie und Metaphern, bedeutungsschwangerer Symbolik und zahllosen biblischen Verweisen. Die Vielzahl von Ebenen und Interpretationsansätzen verleiht El Topo keine Tiefe, sondern erzeugt ein spirituelles Einerlei, das zunehmend beliebiger anmutet.

Je länger der Film läuft, desto angestrengter wirken Jodorowskys Versuche, sein Werk auf größtmögliche Kontroversität zu bürsten; der Regisseur gab selbst unumwunden zu, dass zig morbide Einfälle nur zu sehen sind, weil sie damals verboten waren. Vor allem die extra für den Filmdreh getöteten Tiere hinterlassen einen unangenehmen Beigeschmack und rücken den Film unnötigerweise in die Nähe des Exploitationsektors.

El Topo zählt zu den erstaunlichsten, wildesten Werken seiner Ära. Jodorowskys Grenzen sprengender Trip gefällt durch seine Andersartigkeit, suhlt sich jedoch nur allzu gern in seinem Ungemach.

Weil er bewusst auf grundsätzliche Tugenden wie Dramaturgie oder Figurenentwicklung verzichtet und inhaltlich zu beliebig bleibt, verfliegt der Reiz des Films jedoch im Laufe der Spielzeit. Doch obwohl Jodorowsky letztlich scheitert, deutet sein rohes Werk an, welche Magie das Kino zu Erzeugen imstande sein kann.

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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