Als The Wild Bunch 1969 erschien, sorgte er für heftige Kontroversen. Doch wie konnte Sam Peckinpahs inzwischen breitflächig als Meisterwerk anerkannter Spätwestern ganze Scharen von Kritikern und Zuschauern gegen sich aufbringen, obwohl Sergio Leones Dollar-Trilogie dem Genre bereits die typischen Mythen ausgetrieben und mit Konventionen gebrochen hatte?

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Filmkritik:

Eine markige Standortbestimmung liefert bereits der Beginn des Films, bei dem die Protagonisten einen Banküberfall begehen, der sich als Falle der Eisenbahngesellschaft entpuppt. Es folgt ein wahnwitziger Shootout, der in puncto Gewaltdarstellung den Rahmen der damaligen Zeit sprengte.

Niemand schert sich um die Zivilisten inmitten der Schusslinie, was zahlreiche unschuldige Opfer fordert und den Zuschauer in eine moralisch unübersichtliche Lage versetzt. Die Rücksichtslosigkeit beider Seiten treibt dem Gefecht jegliche Coolness aus und unterbindet eine untergründige Heroisierung der Antihelden, denen man als Zuschauer nicht guten Gewissens die Daumen drücken mag.

Die harten Actionszenen mögen den nachhaltigsten Eindruck machen, doch im weiteren Verlauf erweist sich The Wild Bunch als Film der Gegensätze, wenn er sich zunehmend zum Melodram müder Männer wandelt und dabei eine seltsam lebensbejahende Warmherzigkeit an den Tag legt, die gar nicht zu den destruktiven Feuergefechten passen will.

Im Jahr 1914 neigt sich die Ära des Wilden Westens dem Ende zu, die Zeit der Banditen ist vorbei. Pike Bishop und sein wilder Haufen sind sich dessen auch deutlich bewusst, aber zu alt und eingefahren, um sich noch zu ändern. Unaufhaltsam steuert die Truppe, die keine Zukunft mehr hat, auf eben jene zu in dem Wissen, auf der Strecke zu bleiben und als Relikt der Vergangenheit dem Zeitalter der Industrialisierung zum Opfer zu fallen.

Mit seinem niedrigen Tempo, der simplen Handlung und der vordergründig geringen Figurentiefe erweist sich The Wild Bunch deutlich mehr als jeder andere Western als Film zum Fühlen. Peckinpahs Werk handelt von gewissenlosen Mördern, doch gleichzeitig ist es ein Film der Abschiede, der traurigen Blicke und des wortlosen Respekts.

Das Drehbuch transportiert einen Großteil seines Themas, ohne es über Dialoge zu verhandeln oder pathetisch auszuformulieren; dennoch gelingt es dem Film vortrefflich, Resonanzen beim Publikum zu erzeugen.

Die omnipräsente Vergänglichkeit präsentiert Peckinpah dem Zuschauer mit einem eigenartigen Fatalismus, der nicht das Schlechte des Kommenden betont, sondern eine existenzialistische Lebensfreude im Angesicht des eigenen Untergangs schildert und eine Lebenseinstellung feiert, die keinesfalls moralisch war, aber wenigstens frei und individuell.

Im Finale schließt sich der Kreis, wenn Peckinpah wie zu Beginn des Films ein episches Inferno entfesselt und seine einmalige Inszenierung vollends zur Geltung bringt. Wo Sergio Leone seine wichtigsten Szenen opernhaft arrangiert und bis zur Unendlichkeit ausdehnt, verdichtet Peckinpah das Geschehen so weit wie möglich.

Er montiert mit einem furiosen Schnittgewitter zahlreiche parallel stattfindende Momente aneinander und vermittelt darüber eine ungeahnte Wucht, die er durch effektvolle Zeitlupen noch steigert. Mit seiner gewagten Montage und der Rekordzahl von 3643 Schnitten nahm Peckinpah den Filmschnitt moderner Actionfilme um Jahrzehnte vorweg.

The Wild Bunch vereint das Beste aus den Welten von Edel- und Italowestern. Er wirkt derart autonom, als hätte Peckinpah sein Werk in einem einflussfreien Vakuum gedreht und nimmt damit eine Ausnahmestellung ein, die in ähnlicher Form erst wieder 40 Jahre später durch den gleichermaßen eigenständigen Western Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford erreicht wurde.

Peckinpahs Abgesang zählt zu den Meilensteinen des Genres und steht archetypisch für die Differenziertheit des New Hollywood-Kinos.

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DER REGISSEUR

Sam Peckinpah durchlief eine wechselhafte Karriere: Ausgestoßen vom Etablishment Hollywoods und eingeschränkt durch seine Drogensucht, drehte der Regisseur überwiegend B-Movies. Seine Filme sind geprägt durch eine pessimistische Weltsicht und eine virtuose Inszenierung von Gewalt. Inzwischen gelten Peckinpahs Außenseiterballaden und Spätwestern als Meilensteine der amerikanischen Kinogeschichte.

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DIE STRÖMUNG

Mitte der Sechziger Jahre gelangte das traditionelle Hollywood-Kino an einen kreativen Nullpunkt, der eine neue Strömung ermöglichte. Das New Hollywood legte die kreative Kontrolle der Produzenten in die Hände junger Regisseure, die so unkonventionelle Filme drehen konnten. Gesellschaftskritische Werke mit Außenseitern als Protagonisten sorgten für die Wiederbelebung des amerikanischen Kinos.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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