Der Western ist tot, es lebe der Western! Einmal mehr dürfen wir Filmfans uns an einem sehenswerten Werk aus dem schon zig Mal zu Grabe getragenen Genre erfreuen: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford zählt zu den besten Vertretern der letzten zwei Jahrzehnte und bietet eine ungewöhnliche Seherfahrung.

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Filmkritik:

Wie der Titel bereits andeutet, dreht sich der zweite Film von Regisseur und Drehbuchautor Andrew Dominik weniger um die Schurkenstücke eines der bekanntesten Outlaws des Wilden Westens, sondern um dessen Niedergang und verwehrt sich damit der typischen Heroisierung klassischer US-Western.

Im Gegensatz zu anderen modernen Western zeigt Dominiks Werk auch kein Interesse daran, die Stilmerkmale zu dekonstruieren oder zu ironisieren, um ganz postmodern eine Meta-Ebene zu etablieren.

Damit gesellt sich Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford zu den Werken einer ausgestorbenen Strömung – dem Kino des New Hollywood, das sich dem Genre mit Werken wie McCabe & Mrs. MillerPat Garrett jagt Billy the Kid oder Der weite Ritt melancholisch näherte und mit dramaturgischen Konventionen brach.

Statt die archaische Welt des Western zu glorifizieren, entpuppte sich das weite Land als leer und karg, warf die Menschen auf sich selbst zurück und hinterfragte uramerikanische Ideale wie Freiheit und Selbstbestimmung. All dies trifft auch auf Andrew Dominiks Werk zu.

Sieben Jahre, nachdem Dominik in Australien das so flippige wie misslungene Serienkillerporträt Chopper inszenierte, zeigt sich der Filmemacher bei seinem Hollywooddebüt erstaunlich gereift, legt einen gänzlich gegenteiligen Film vor und setzt auf totale Entschleunigung: Zwei Stunden und vierzig Minuten beträgt die Spielzeit von Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford, der sich ganz seiner elegischen Stimmung und den so ansehnlichen wie untypischen Bildern von Kameramann Roger Deakins hingibt.

Dominik setzt seine Figuren nicht ständig aktiv in Szene, um die Handlung voranzutreiben, sondern beobachtet sie oft in passiven Momenten und nutzt stille Szenen, um ihrem Geist nachzuspüren. Der von Brad Pitt wunderbar lethargisch verkörperte Jesse James wirkt im Verlauf des Films immer weniger wie von dieser Welt, sondern scheint, müde und seelisch ausgehöhlt von den Taten seiner Jugend, zunehmend willenlos dem Tod entgegenzutreiben und erinnert dabei an den Protagonisten aus Jim Jarmuschs Dead Man.

Sein Gefährte Robert Ford hingegen muss seine Lebendigkeit im Zaum halten: Das scheue schiefe Grinsen, das ständige Niederschlagen der Augen und die weinerliche Stimme mögen die Gedanken und Wünschen des jungen Banditen verbergen, doch dank Dominiks aufmerksamer Regie und der herausragenden Darstellerleistung von Casey Affleck erkennen wir – ebenso wie James – Fords Schwäche: „Do you want to be like me or do you want to be me?“

Der ambitionierte Mittelteil des Films mag deutlich zu lang erscheinen und dürfte vor allem jene Filmfans enttäuschen, die sich zumindest ein Mindestmaß an Handlung wünschen; tatsächlich mag vordergründig nicht viel „passieren“, doch Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford ist ungemein reich an Zwischentönen und sinniert über Werte, Seelenheil und das Miteinander der Menschen.

In der letzten halben Stunde läuft Dominiks Werk zur Höchstform auf und etabliert einen wuchtigen Fatalismus shakespearescher Prägung, der intensive Szenen hervorbringt und viel Spannung, wenn wir erkennen, dass Robert Ford kein Feigling war, sondern Opfer in einem abgekarteten Spiel, das keinen Sieger kennt. Trotz seines gemächlichen Tempos beeindruckt Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford und hallt lange nach.

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