Johnny Guitar ist der ungewöhnlichste Western seiner Zeit. Regisseur Nicholas Ray nutzt das Genre als Folie für ein überlebensgroß angelegtes Melodram, das Geschlechterrollen verkehrt und vor Sex nur so vibriert. Die farbenprächtigen Bilder und ein politischer Subtext werten den billig produzierten Klassiker zusätzlich auf.

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Filmkritik:

Das erste Ausrufezeichen setzen schon die Eröffnungstitel: JOAN CRAWFORD prangt in großen gelben Lettern auf der Leinwand – eine Frau in der Hauptrolle eines Westerns! Dann donnern Explosionen los, ein mit Gitarre bewaffneter Mann taucht auf, eine Postkutsche wird überfallen, ein Sandsturm fegt über das Land und ein einsamer Saloon erscheint im Nirgendwo.

Was wie ein Trailer mit den Höhepunkten des Films klingt, schildert lediglich die ersten vier Minuten von Johnny Guitar, der auch für den Rest der Laufzeit keine Pausen veranschlagt. Alles an diesem Western ist zwei Nummern größer als gewöhnlich, mit Bedeutung aufgeladen und brodelnd wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

Die Rivalität zweier Frauen bringt das Geschehen zur Eruption. Die von Joan Crawford gespielte Vienna, eine geschäftstüchtige Saloonbesitzerin, will eine Stadt gründen und bringt damit die örtlichen Rancher gegen sich auf.

Angestachelt werden die Farmer durch die jähzornige Emma Small. Sie hasst Vienna, weil diese eine lose sexuelle Beziehung zum örtlichen Banditen Dancin‘ Kid pflegt. Emma verzehrt sich selbst nach dem Desperado und weil sie ihn nicht haben kann, wünscht sie den beiden den Tod.

Als große Unbekannte schickt das Script Johnny Guitar zwischen die Fronten. Früher gewaltgeil, heute Gitarrespieler – und die große Liebe von Vienna, die Dancin‘ Kid nur als Platzhalter gewähren ließ.

Kein großes Hollywoodstudio, sondern die B-Movie-Schmiede Republic produzierte den Film. Unter normalen Umständen konnte sich die Studioleitung weder einen Regisseur vom Kaliber Nicholas Rays noch einen Star wie Joan Crawford leisten. Weil ein Projekt der beiden ins Wasser fiel und sich die Karriere der Crawford im Niedergang befand, gelang Republic der Besetzungscoup.

Ein großes Budget konnte das Studio nicht aufbringen, sicherte seinem Regisseur allerdings die volle künstlerische Freiheit zu. Ein guter Deal für Nicholas Ray, der problemlos auf eine teure Ausstattung verzichten konnte – für eine realistische Inszenierung interessierte er sich ohnehin nicht.

Johnny Guitar stellt einen Wendepunkt in Rays Filmografie dar: Der Regisseur entschied sich für eine ausgeprägte Larger-than-life-Attitüde, die sein Markenzeichen werden sollte und auch in späteren Arbeiten wie … denn sie wissen nicht, was sie tun und Eine Handvoll Hoffnung zum Tragen kommt.

So konsequent wie in Johnny Guitar ging Ray jedoch nie wieder vor. Hier setzt er auf die totale Überhöhung und presst das Maximum an Bedeutung und Dramatik aus den Figuren und Setting. Ray hält das Geschehen in ständiger Aufregung und inszeniert abstrahiert den Western zum Theaterstück.

Anstatt die billigen Kulissen zu verschleiern, schwelgt Johnny Guitar regelrecht in den künstlichen Dekors und gemalten Hintergründen. Die Theaterhaftigkeit des Films verstärkt der Regisseur noch durch eine überdeutliche Mise en Scène in den Innenraumszenen. Über das Overacting der beiden Hauptdarstellerinnen und die übertriebenen Dialoge etabliert der Film eine wahnhafte Stimmung, die zwangsläufig Kollateralschäden produziert.

Die expressiven Farben der Kostüme stellen die extremen Emotionen offen aus. Die eifersüchtige Emma trägt anfangs neidvolles Grün und später – zusammen mit den anderen Ranchern – hasserfülltes Schwarz. Wieviel lebendiger wirkt da Vienna! Mit erotischen Absichten trägt sie Purpur, im Angesicht von Lynchjustiz unschuldiges Weiß und ein knalliges Gelb und Rot im finalen Gewaltakt.

Johnny Guitar nutzt die Motive und äußere Form des Westerns, hinter dieser Folie funktioniert der Film jedoch wie ein rassiges Melodram. Hier geht es nicht um Schürfrechte, Viehherden oder Heldentum, sondern um große Gefühle und fleischliche Gelüste. Abgesehen von Samuel Fullers drei Jahre später entstandenem Vierzig Gewehre gibt es keinen Film, der den oft asexuellen Western derart mit freudianischen Motiven und sexuellen Neurosen auflädt.

Alles in diesem Film – Drohungen, Schüsse, Lynchjustiz – resultiert aus sexueller Macht und der Gier nach Körperlichkeit. Die Figur von Joan Crawford wird (auch) wegen ihrer sexuellen Selbstbestimmung angefeindet. Die Antagonistin Emma Small besitzt hingegen masochistische Tendenzen: Puritanerin durch und durch, hasst sie das eigene Verlangen und jeden, der es auslöst.

Johnny Guitar verkehrt die Geschlechterrollen ins Gegenteil: Die beiden Frauen bilden die Machtzentren des Films. Sie sind härter, abgebrühter und letztlich schlichtweg maskuliner als die Männer. Einer von Viennas Angestellten bringt es auf den Punkt: „Never seen a woman who was more of a man. She thinks like one, acts like one, and sometimes makes me feel like I‘m not.

Johnny Guitar bricht noch mit einem anderen Standard des klassischen Hollywoodkinos. In den Werken der Traumfabrik gleicht die Liebe einem Ideal, ist makellos und rein. Erst der Film Noir zog sie in den Schmutz und benutzte sie als erotisches Triebmittel.

Nicholas Ray knüpft dort an und erteilt den Idealen eine schallende Absage – sie sind der Grund für den Hass von Emma Small. Sie sehnt sich nach Dancin‘ Kid, verabscheut aber „schmutzigen“ Sex. Ihre Impotenz konnotiert der Film als Wurzel allen Übels.

Ein junger Outlaw aus Kids Bande belegt diese Interpretation. Er liebt die doppelt so alte Vienna und scheitert an seiner ödipalen Wunschvorstellung. Da der Film Potenz mit Macht gleichsetzt, bedeutet die sexuelle Unerfahrenheit des jungen Kerls seinen Untergang.

Die Helden des Films haben dem Ideal der Liebe hingegen schon lange abgeschworen. Vienna und Johnny finden gerade deshalb wieder zusammen. Sie kennen die Fehler ihres Partners und erwarten keine Makellosigkeit mehr. Aus dieser erwachsenen Liebe ziehen sie ihre Stärke und sind damit den anderen Figuren des Films überlegen.

Der Kreuzzug von Emma Small gegen Vienna und Johnny ermöglicht auch eine politische Leseart. Johnny Guitar entstand 1954 und damit in der Hochphase der McCarthy-Ära. Emmas Vorgehen erinnert an die paranoide Kommunistenjagd von Senator Joseph McCarty und des Komitees für unamerikanische Umtriebe. Unter dem Vorwand der moralischen Verantwortung stachelt sie die Bürger auf, fordert Denunziationen und schert sich selbst nicht um Gesetze. Emma mutiert zur blinden Eiferin und verliert jegliches Maß.

Angesichts der vielen Extreme verwundert es kaum, dass die amerikanische Filmkritik Johnny Guitar überwiegend negativ rezensierte. Französische Cineasten wie François Truffaut und Jean-Luc-Godard erhoben Nicholas Ray hingegen zum Vorbild. Ihre Filmzeitschrift Cahiers du Cinema kürte den Film zum bis dato besten Western der Kinogeschichte.

Was Godard über Nicholas Ray sagte, trifft auch auf Johnny Guitar zu: Begrifflichkeiten wie „Western“ oder „Melodram“ werden dem Film nicht gerecht. Johnny Guitar ist das Kino.

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DER REGISSEUR

Die Filme von Nicholas Ray suchen stets das Extreme: Die immer einige Nummern zu dick aufgetragenen Inszenierungen mögen artifiziell wirken, spielen aber virtuos mit Stimmungen und Gefühlen. Insbesondere in seinen Farbfilmen erzeugt der Regisseur eine große emotionale Fallhöhe und eine atemlose Spannung. In den USA wurde Nicholas Ray lange verschmäht, doch für die Urheber der Nouvelle Vague zählte er zu den größten Vorbildern.

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Die Filme von Nicholas Ray suchen stets das Extreme: Die immer einige Nummern zu dick aufgetragenen Inszenierungen mögen artifiziell wirken, spielen aber virtuos mit Stimmungen und Gefühlen. Insbesondere in seinen Farbfilmen erzeugt der Regisseur eine große emotionale Fallhöhe und eine atemlose Spannung. In den USA wurde Nicholas Ray lange verschmäht, doch für die Urheber der Nouvelle Vague zählte er zu den größten Vorbildern.

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DAS GENRE

Der Western erreicht seine größte Popularität in den Fünfziger Jahren. Der Hang zum Reaktionären ließ das Genre dann zunehmend in eine Krise schlittern, bevor der Italowestern das Genre Mitte der Sechziger zur neuen Blüte trieb. Das gesellschaftskritische New Hollywood-Kino dekonstruierte den Western weiter. Heutzutage findet das Western-Setting sowohl für blutige Genrefilme als auch für Kunstfilme Verwendung.

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Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

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Tom Schünemann

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Tom Schünemann ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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