Eine Handvoll Hoffnung

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Filmkritik:

In seinem Melodram Eine Handvoll Hoffnung schildert Regisseur Nicholas Ray auf bedrückende Weise die medikamentenbedingte Wandlung eines Familienvaters zum größenwahnsinnigen Psychopathen.

Neben Douglas Sirk gilt Nicholas Ray als einer der großen Meister des Melodrams. Seine Filme kreisen um existenzielle Konflikte, die nicht nur das Handeln der Figuren, sondern sogar die Welt, in der sie leben, infrage stellen. Eine Handvoll Hoffnung gelang nie der Sprung zum großen Publikumserfolg, stellt jedoch ein Musterbeispiel für die Arbeit des Regisseurs dar und übertrifft mühelos dessen Vorgängerfilm … denn sie wissen nicht, was sie tun.

Bevor wir uns auf die Figuren und ihre Geschichte einlassen können, binden die knalligen Farbakzente unseren Blick – die leuchtende Kleidung der Protagonisten kündet von einem positiven, glücklichen Leben. In Technicolor und Cinemascope gedreht, entwirft Eine Handvoll Hoffnung eine expressionistische Bilderbuchwelt der typisch amerikanischen Kleinstadt: Hier scheint die Sonne, die Kinder der Nachbarschaft spielen Football und ihre Eltern treffen sich auf eine gepflegte Partie Poker und einige Cocktails. Diese Postkartenidylle ist ein Ergebnis der Konjunktur, die brummende US-Wirtschaft der Fünfziger Jahre ermöglichte der bürgerlichen Mittelschicht einen bescheidenen Wohlstand.

Beim Lehrer Ed Avery ist das Geld noch nicht angekommen, doch damit sich die kleine Familie den Lebensstandard der Mittelschicht leisten kann und Averys Frau nicht arbeiten muss, hängt er nach dem Unterricht noch heimlich eine Schicht als Funker bei einer Taxigesellschaft dran. Bis zu dem Tag, an dem er einen heftigen Schwächeanfall erleidet und ihm die Ärzte eine tödliche Krankheit diagnostizieren. Nur dank des neuartigen Medikamentes Cortison bessert sich Averys Zustand, doch der Preis ist hoch: Der zuvor freundliche Vater entwickelt eine Psychose und legt die heile Bilderbuchwelt in Trümmer.

Eine Handvoll Hoffnung wirkt nicht nur wie ein Prototyp für das Schaffen David Lynchs, der in Blue Velvet und Twin Peaks ähnlich vorgeht, um das Grauen hinter der bürgerlichen Fassade auszuloten, sondern verdeutlicht auch, warum Jean-Luc Godard, François Truffaut und ihre Kollegen der Nouvelle Vague Nicholas Ray so verehrten: Aus einer simplen Prämisse und nur vier Figuren baut Ray ein gnadenlos effektives Melodram. Der oftmals negativ konnotierte Begriff findet hier seine eigentliche Entsprechung: Das Geschehen steigert sich von Szene zu Szene, der Horror verzehrt nicht weniger als die gesamte Welt der leidenden Figuren. Das visuell orientierte Erzählen von Nicholas Ray ist ein Genuss: Der Schrecken des Films lebt nicht in den Dialogen, sondern im Bild – Rays Perspektivwahl, seine mise en scéne sowie die geschickt eingesetzten Farben übertragen den Wandel der alltäglichen Normalität zum bedrohlichen Albtraum intuitiv auf uns Zuschauer.

Statt die Nebenwirkungen des damals noch neuartigen Cortisons maßlos zu übertreiben, plante Nicholas Ray ursprünglich mit einer unbestimmten psychischen Erkrankung, doch das Studio pochte auf eine zweifelsfrei identifizierbare Ursache für die Psychose des zuvor vorbildlichen Lehrers, um den ohnehin schon kritischen Subtext abzumildern. Denn hinter der vordergründigen Handlung des Melodrams versteckt sich eine mahnende Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft, die sich sorgenlos dem Materialismus hingibt.

Über allem schwebt ein piefiger Konformismus und der Versuch, „dazu zu gehören.“ So arbeitet Ed Avery lieber heimlich in einem Zweitjob, als seiner Frau zu erlauben, ebenfalls arbeiten zu gehen, um das Einkommen der kleinen Familie aufzubessern – was sollen sonst die Leute denken? Weniger zu arbeiten und dafür den eigenen Lebensstandard etwas herunterzufahren, scheint ebenfalls keine Option zu sein. Damit bringt der Film den Kapitalismus auf den Punkt: Die Menschen arbeiten sich kaputt, um ihr Geld für Dinge auszugeben, die sie nicht benötigen.

Auf dem deutschen Heimkinomarkt blieb Eine Handvoll Hoffnung bisher unveröffentlicht, was eine Schande ist. Die exzellente Inszenierung von Nicholas Ray, die effektvolle Erzählweise und James Masons fantastische Darstellung des psychotischen Lehrers sind es wert, entdeckt zu werden.

Handlung:

In den Fünfziger Jahren brechen für die amerikanische Mittelschicht goldene Zeiten an: Die Einkommen steigen und ermöglichen einen ungeahnten Lebensstandard. Beim fleißigen Lehrer Ed Avery ist das Geld noch nicht angekommen. Um mit der Nachbarschaft mithalten zu können, bessert er das Familieneinkommen heimlich durch einen Nebenjob auf, überarbeitet sich jedoch zunehmend und bricht letztlich zusammen. Im Krankenhaus folgt eine bittere Diagnose: Nur durch das neu entwickelte Cortison kann Avery überleben. Besserung tritt schnell ein, doch das Medikament entwickelt ungeahnte Nebenwirkungen …

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Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.

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