Filmkritik:

Der Leopard zählt zu den bedeutendsten Werken der italienischen Kinogeschichte und gewann 1963 bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme. Das Epos von Luchino Visconti beeindruckt durch seine unnachahmliche Opulenz und macht die historischen Entwicklungen Italiens erlebbar.

Der Leopard beruht auf dem gleichnamigen Roman von Giuseppe di Lampedusa, der 1958 posthum erschien und zum großen Erfolg avancierte. Viscontis Werk hält sich eng an die Vorlage und entwirft in seiner dreistündigen Spielzeit ein umfassendes Sittengemälde, in deren Zentrum die adelige Familie des Fürsten Salina steht, der sein Haus als Oberhaupt durch die stürmischen Zeiten des 19. Jahrhunderts manövriert.

In vielerlei Hinsicht erscheint Der Leopard wie ein Verwandter von Francis Ford Coppolas Der Pate: Sowohl Marlon Brandos Don Corleone als auch Burt Lancasters Fürst Salina arbeiten als alternde Patriarchen an Zusammenhalt und Zukunftssicherung ihrer Familien, was durch die äußeren Umstände bedroht wird. So sorgsam sie die alten Traditionen bewahren und ihren politischen Einfluss für das Ansehen ihres Hauses einsetzen, müssen die beiden Oberhäupter doch anerkennen, dass sich die Zeiten ändern. Die Spannung der Filme resultiert aus der Frage, ob die Männer sich ihre alt­her­ge­brachte Integrität erhalten können, ohne ihre Familien in den Untergang zu führen.

Wo in Der Pate ständig neue Entwicklungen stattfinden, schlägt Regisseur Visconti in Der Leopard ein deutlich ruhigeres Tempo an. Getragen von der stimmungsvollen Musik der italienischen Komponistenlegende Nino Rota (der auch die weltberühmte Musik zu Der Pate schrieb) und den imposanten Cinemascope-Bildern der sizilianischen Landschaft, den edlen Kostümen und prächtigen Kulissen, setzt der Film in der ersten Hälfte ganz auf das Erzeugen von Atmosphäre. Vordergründig mag in den vielen langen Szenen nicht viel passieren, doch jeder Moment atmet die Lebensart des alten Italiens, das wir somit automatisch durch die Augen Fürst Salinas betrachten.

Die epische Spielzeit entfaltet in der zweiten Filmhälfte ihre volle Kraft und rechtfertigt das niedrige Tempo, indem es ihr gelingt, die geschichtsträchtige Entwicklung des Risorgimento nicht nur intellektuell verstehbar, sondern auch emotional fühlbar zu machen. Nachdem wir die sizilianische Welt zwei Stunden lang durch die Augen von Fürst Salina gesehen haben, spüren auch wir dessen Melancholie um das Vergangene und den Pessimismus für das Kommende.

Wir waren die Leoparden, die Löwen, die Adler. Unseren Platz werden Schafe, Hyänen und Schakale einnehmen.“ erkennt Fürst Salina, ohne daran etwas ändern zu können. Das Ende der Aristokratie wird er nicht mehr erleben, ihren schleichenden Niedergang erkennt er jedoch als einer der ersten; auch, weil sein Neffe, der verarmte Tancredi, ein Musterbeispiel des Zeitenwandels darstellt.

Tancredi schließt sich den Rebellen um Giuseppe Garibaldi an, um anschließend als Offizier in der Armee der Republik anzuheuern – er dreht sein Fähnchen nach dem Wind und erhält dafür sogar noch Rang, Sold und eine Ehefrau. Wenn der von Alain Delon wunderbar ölig gespielte Emporkömmling die junge Angelica (bildhübsch: Claudia Cardinale) heiratet, zementiert der Film das kritische Bild einer neuen gesellschaftlichen Ordnung. Die beiden Jungvermählten heiraten nicht aus Liebe, sondern für bloßes Ansehen und schnöden Reichtum.

Wo Fürst Salina für das Wahren des kollektiven Wohls von Familie und Nation steht, offenbart Der Leopard durch die Heirat von Tancredi und Angelica den faulen Kern einer neuen italienischen Bürgerlichkeit, die ausschließlich auf individuelles Vorankommen aus ist und dafür jeglichen Wertekodex opfert – eine Tendenz, die Italien einige Jahrzehnte später unter die Herrschaft des faschistischen Diktators Benito Mussolini und in den Zweiten Weltkrieg führen würde.

All diese Entwicklungen und Gedanken lässt Viscontis Werk in seinem großen Finale kulminieren: Die dem Tode geweihte Aristokratie trifft sich zu einem ausschweifenden Ball, den der Film ganze 40 Minuten lang einfängt. Neben der überwältigenden Opulenz und der effektiven mise en scéne bleibt vor allem die Melancholie von Fürst Salina im Gedächtnis. Wie ein Gespenst wandelt er durch seinen letzten Ball, findet durch einen ergreifenden Tanz mit Claudia Cardinales Angelica noch einmal zu alter Stärke und verschwindet in der fantastischen Schlusseinstellung des Films in den dunklen Gassen der Geschichte.

Der Leopard ist Sittengemälde, Familiengeschichte und Historienfilm in einem und beeindruckt inhaltlich wie formal. Die visuellen Schauwerte, die starken Darsteller und die ergreifende Vision des alten Italiens hallen lange nach.

Handlung:

Italien im 19. Jahrhundert: Während der Zeit, als die Rebellen um Giuseppe Garibaldi auf Sizilien landen und mit Gewalt versuchen, den Bourbonen Süditalien zu entreißen, arbeitet der Fürst von Salina daran, seine Familie für die Zukunft zu rüsten. Der alte Patriarch sieht sich mit einer wandelnden Zeit konfrontiert, die sein altes Wertesystem auf die Probe stellt. Als er den Untergang der Aristokratie vorhersieht, arrangiert er die Heirat seines Neffen trotz der Befürchtung, das Schicksal seiner Klasse zu besiegeln …

0

E

D

A

Bei Amazon anschauen

Auch aus diesem Genre:

Foto von Tom Schünemann, dem Kritiker von Filmsucht.org

Tom ist der alleinige Autor auf Filmsucht.org und möchte dir helfen, tolle Filme zu entdecken. Vom Hamburger Schmuddelwetter zu akuter Filmsucht verdammt, sucht er unabhängig von Genre und Produktionsjahr nach obskuren Raritäten, funkelnden Geheimtipps und großen Klassikern.